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Chernobyl

Reiseverbote sorgen für Verzögerungen. Das betrifft die Produktion fiktionaler Filme. Aber auch Dokumentarfilmer*innen arbeiten in der Pandemie unter erschwerten Bedingungen. Dabei ist die Nachfrage nach non-fiktionalen Filmen deutlich gestiegen. Besonders Naturfilme entführen in die Sehnsuchtsräume unberührter Landschaften. Sie reizen mit fremder Flora und exotischen Tierwelten, auf jeden Fall Idyllen, in denen die Natur ihren Eigensinn bewahrt zu haben scheint. Streamingdienste belegen den Trend, manche diagnostizieren sogar eine Blütezeit der Dokumentarfilme.[1] Warum ist das so? Braucht es die Bilder aus der Wildnis, um der eintönigen Berechenbarkeit eines umzirkelten Alltags zu entfliehen? Um Geborgenheit zu spüren in den Rhythmen der Biologie? Oder provoziert der Anblick ungebändigter Natur eine Angstlust? Immerhin denken viele das Virus als Revanche für die Zerstörung der Natur.

Das Bild sieht aus, als wäre es ein Filmstill aus einer Universum-Folge. Der Vordergrund ist unscharf. Die Halme der Gräser sind verschwommen. Wie in der impressionistischen Malerei verdichten sich die Farbpunkte zu einem flirrenden grünen Teppich, dazwischen leuchten die lila Tupfen eines Wiesenkrauts. Links ragt ein junger Nadelbaum empor. Seine Triebe sind im Saft, das Wachstum, besonders an der Spitze, kräftig. Die Nadeln zerfließen wie wässrige Malerei vor dem Hintergrund im Fokus. Die Kamera zielt auf eine Gruppe von Pferden, die sich etwa 60 Meter weiter entfernt, in einer Lichtung in der Mitte versammelt hat. Einige davon haben helles Fell, andere sind braun mit weißen Nüstern und schwarzen Mähnen. Es sind asiatische Wildpferde, so genannte Przewalski-Pferde. Der Wald dahinter ist dicht, unbesiedelt und üppig. Das Foto dokumentiert die vom Aussterben bedrohte Art in einem außergewöhnlichen Reservat.

Anna Jermolaewa fängt das Bild im Sommer 2014 ein. Es ist eines aus einer Werkserie, die sie »Chernobyl Safari« nennt. Die Sperrzone rund um das zerstörte Kernkraftwerk ist – nach fast 30 Jahren – zu einem paradiesischen Habitat für Tiere geworden, sagt die in Wien lebende russische Künstlerin. Seit einigen Jahren boomt der makabre Tourismus. Menschen würden auf Mutationen und Monster warten, manche Kühen mit zwei Köpfen auflauern. Doch verunstaltete oder missgestaltete Kreaturen – wie im fiktionalen Film – finden sich nicht. Die Tiere sind immer noch kontaminiert, – wie übrigens auch die Wildschweine in Mitteleuropa -– , aber insgesamt gesund. In der Natur überleben die Stärksten, sagt Jermolaewa. Wenn ein Tier mit Fehlbildungen geboren wird, überlebt es die Selektion nicht. Weil Jermolaewa nicht alle Fotos gelingen wollen, aber sie ihre Erfahrungen aufzeichnen möchte, beginnt sie, einige der Tiere zu zeichnen.[2] Es entstehen Aquarelle von Hasen, Eulen, Füchsen. Auch Legenden fließen in diese Bildnotizen ein, angeregt durch Erzählungen unter anderen von einer alten Frau, die in der Sperrzone lebt und von großen Schlangen berichtet, die zu Experimenten angeblich aus Neuseeland nach Tschernobyl gebracht worden seien. Es ist eine Safari durch einen postapokalyptischen und zugleich mythischen Raum.

Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, liegt nur etwa 120 km südlich. Die Sowjetunion bemüht sich 1986, das Ausmaß der Reaktorkatastrophe zu vertuschen. Im Sommer gehen die Menschen unbekümmert in einem See baden. Das zeigt Boris Mikhailov in seiner Foto-Serie “Salt Lake”: Sie tauchen – mit weißen Hauben ausgestattet – in einen Salzsee. Die Szene erinnert an Seurats Gemälde von dem Sonntagsausflug auf die Grande Jatte. Der See in der Nähe von Mikhailovs Vaterstadt Slowjansk gilt wegen seines hohen Salzgehalts als reinigend, obwohl augenscheinlich wird, dass er von Industrieabfällen verseucht ist. Im Hintergrund ist ein Abwasserkanal zu erkennen, die Schlote von Fabriken, große Container und einige Strommasten. Die Fotos, die nicht unberührte Natur, sondern vergiftete Umwelt zeigen, entstehen im Sommer 1986, nur wenige Wochen nach der Katastrophe. Die Gefahr ist den Badenden augenscheinlich nicht bewusst oder auch sie vertrauen auf die natürliche Selektion. Im Frühjahr 2020, als die Covid-19 Pandemie die Ukraine erfasst, bricht die Angst vor der Verseuchung erneut auf. In der Sperrzone entwickeln sich umfangreiche Brände. Mehrere Tausend Hektar Wald stehen in Flammen, tausende Feuerwehrleute sind im Einsatz. Die Rauchwolken, die an jene der verheerenden Explosion erinnern, kommen anfangs dem “Sarkophag”, dem eingehausten Reaktor, gefährlich nahe. Dann ziehen sie in Richtung Süden. Der Himmel über Kiew färbt sich safrangelb, fast so wie in der Tonung von Mikhailovs dokumentar-historischem Foto. Nicht wenige stellen die Frage, ob die Verantwortlichen abermals aus Angst vor Imageverlust und öffentlicher Panik die Gesundheitsgefährdung verharmlosen. Tatsächlich werden zwischen 2. und 20. April 2020 von Gesundheitsämtern aus Skandinavien hohe Cäsium 137-Konzentrationen gemessen. Der Qualm verlässt neuerlich sein Gehege. Gibt es unberührte Natur im Zeitalter des Anthropozän? Sind Dokumentarfilme selbstverständlich frei von Fiktion und Fantasie? Und übertrumpft eine akute Krise den Schauer einer anderen, lähmend langwierigen?

 

[1] Doris Priesching: Dank Covid stehen Dokus hoch im Kurs, in: Der Standard, 20.April 2021.

[2] Anna Jermolaewa im Gespräch mit tdt, 21.April 2021

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