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Die eine Hand und die andere

Die Kunsthalle Krems und das Museum der Moderne Salzburg haben bereits 2019 in Zusammenhang mit der Themenschau „Ticket to the Moon“ gemeinsame Sache gemacht. Mit der ersten Midcareer-Show der indonesisch-niederländischen Film-, Foto- und Video-Künstlerin Fiona Tan, Jahrgang 1966, wird das Kooperations-Konzept nun regelrecht gegen den Strich gebürstet. Die Besonderheit dieser One-Woman-Show in zwei Teilen ist nicht nur ihre Quasi-Gleichzeitigkeit, sondern vor allem die konzeptuelle Verwobenheit, die die Künstlerin beiden Ausstellungen angedeihen lässt. Der übergreifende Titel „Mit der anderen Hand“, den Fiona Tan in Anlehnung an ein Zitat von Franz Kafka gewählt hat, lässt Dualitäten wie Hier und Dort, Hier und Jetzt, das Eine und Andere, aber auch Orient und Okzident, Geschichte und Gegenwart, Vergessen und Erinnern anklingen.

Dem gegenüber steht eine doppelte Ortsspezifizität, die es möglich macht, dass jede der beiden Ausstellungen durchaus auch für sich funktioniert. So nimmt in Fiona Tans Installation für das Museum der Moderne Salzburg die Ikonographie der Berge eine zentrale Rolle ein – neben dem Meer ein landschaftliches Leitmotiv ihrer Arbeit. Vor diesem Hintergrund ist auch die Dreikanal-Video-Installation „Gray Glass“ entstanden: Gedreht auf den Gletschern des Hohen Sonnblicks und in der Eisriesenwelt Werfen, die mit 42 Kilometer Länge die größte Eishöhle der Welt ist, thematisiert die Auftragsarbeit das romantische Landschaftsverständnis des Westens.

Mit der Kremser Ausstellung reagiert Fiona Tan auf die unmittelbare Nachbarschaft der Kunsthalle zur Justizanstalt Stein. Dazu durchzieht das Thema Porträt, bald als Genre, bald als Narrativ, die Ausstellung wie ein roter Faden. Die Video-Sound-Installation „Pickpockets“ etwa basiert auf einem historischen Album mit Fotos von Taschendieben, welche 1889 bei der Weltausstellung in Paris festgenommen und fotografiert wurden. Fiona Tan gibt ihnen eine Stimme in Form von Voice-overs, deren Texte von befreundeten Autorinnen und Autoren geschrieben wurden. Einen dieser Texte hat Fiona Tan selbst für die Taschendiebin Marie Thiriot von Roland Barthes „gestohlen“. Mit Verweisen auf die „helle Kammer“ u.dgl. schmuggelt sich der kurze Monolog zugleich als verstecktes Manifest über das Fotografieren, Sehen und Gesehen-Werden in die Ausstellung ein. Die kreisrund angeordnete Installation „Correction“ mit monumentalen gefilmten Porträts von Häftlingen und Justizvollzugsbeamten aus vier US-Gefängnissen wiederum wendet das Prinzip des Benthamschen Panoptikums ins Gegenteil, indem es einen 360°-Standpunkt im Zentrum der Installation vorgibt.

Das Thema Porträt umkreist auch die frühe Vierkanalvideo-Installation „Countenance“ (2002) mit gefilmten Schwarzweiß-Aufnahmen von rund 200 Menschen aus verschiedensten Berufsgruppen. In der Großen Säulenhalle mit ihrer frühindustriellen Anmutung kommt sie virtuos zur Geltung. Entstanden im Berlin der Jahrtausendwende gibt Tan darin eine zeitgenössische Replik auf August Sanders‘ fotografisches Opus Magnum „Menschen des 20. Jahrhunderts“, die die Brüchigkeit der Zeit mitschwingen lässt. Eine andere Art von Porträt –das eines Antiken-Sammlers des späten 18./ frühen 19. Jahrhunderts – erzählt schließlich „Inventory“ (2012): Entstanden im „Sir John Soane’s Museum“ in London spiegelt die komplexe Sechskanal-Installation mit ihren unterschiedlichen Videoformaten den Zwiespalt zwischen individueller Passion und Akribie. Den utopischen Gegenentwurf dazu liefert „Archive“ (2019) – eine immersive 3D-Animation, die die Weltdenkmaschine „Mundaneum“ des Belgiers Paul Otlet mit ihren 16 Millionen Karteikarten in den künstlerischen Raum transferiert.

„Fiona Tan. Mit der anderen Hand / With the other hand“

Bis 7.3.

Kunsthalle Krems
Museumsplatz 5
3500 Krems
T +43 2732 908010
http://www.kunsthalle.at
Öffnungszeiten: Bis 28.2. Di-So 10-17; ab 1. März Di-So 10-18

Bis 2.5.

Museum der Moderne Salzburg
Mönchsberg 32
5020 Salzburg
T: +43 662 842220
http://www.museumdermoderne.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-19 Uhr

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