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Viva Arte Viva: Like it or not

Es hat schon öfter spektakuläre Installationen mit Textilien anlässlich der Biennalen in Venedig gegeben – etwa 2015 die 200 Meter lange „Sackgasse“ im Arsenle aus zusammengeflickten Kohlensäcken von Ibrahim Mahama aus Ghana bzw. die bühnenhafte Vorhang-Installation von Katharina Grosse; wiederholt auch Joana Vasconcelos, die 2005 mit dem Tamponluster „The Bride“ im Arsenale ihr Venedig-Debut gab und 2013 den Portugiesischen Pavillon – ein Schiff – mit ihren Häkelgespinsten ausstattete, nachdem sie 2011 das Foyer des Palazzo Grassi/François Pinault Foundation tolldreist bunt behäkelt hatte. Worauf 2013 Rudolf Stingel, nicht minder textil, den Palazzo Grassi mit Teppichen austapezierte.


Die von Christine Macel kuratierte Schau der aktuellen 57. Biennale von Venedig unter dem Motto Viva Arte Viva ist erstaunlich dicht mit textilen Arbeiten bestückt. In sämtlichen der neun Themenfelder („Pavilons“) finden sich prominent Textilien – Wandbehänge, Teppiche, Netze etc., wobei es sich keineswegs um Textilkunst im engen Sinn des Auf die Spitze-Treibens gewisser textiler Techniken handelt, vielmehr um einen demonstrativen Einsatz des Materials als traditioneller, sozialer, sexueller, funktioneller oder monomaner Ausdruck bzw. Verweis. Den Vogel – nein, den Löwen – schoss heuer gar Franz Erhard Walther ab, der in den 1980er Jahren Stoff als stabiles und doch flexibles Material und das Nähen als sein neues kreatives Ausdrucksmittel erkor: Er erhielt den Goldenen Löwen als bester Künstler dieser Biennale. Gefolgt von Petrit Halilaj aus dem Kosovo, der mit einer Erwähnung geehrt wurde. Halilaj arbeitet nicht überwiegend mit Textilien, doch seine Installation von überdimensionierten „Motten“ hoch oben in einem Winkel des Arsenale lebt von der Kombination aus typischen Teppichen seiner Region und dem weichen Fall der meterlangen „Schleppen“...


An die zwanzig Werke unterschiedlichster Natur werden in diesem Parcours präsentiert. Die ganze Spannweite ist vertreten: Garnspulen in allen Farbnuancen, umwickelte Objekte, Verschnürungen, lose Stoffbahnen – auch als Transparent mit Botschaften, genähte, gesteppte, gepolsterte und gefranste Wandbilder, Teppiche, Netze, Häkelskulpturen oder Kleidung als Statement werden per se oder symbolhaft, erzählend oder partizipativ eingesetzt.


Viva Arte Viva will – so Macel – als ein leidenschaftlicher Aufschrei/Aufruf von, mit und für Künstler verstanden sein: deren kreative Praktiken und Formensprache, die von ihnen gestellten Fragen und ihre individuelle Lebensweise. Zu all dem scheinen ihr textile Referenzen besonders geeignet zu sein, wobei es nicht unbedingt um zeitgenössische Beispiele geht. Judith Scott, die unbeirrbare Schafferin von abstrusen Wickelobjekten, verstarb 2005 und auch die Arbeiten von Maria Lai werden posthum gezeigt. Sie blieb ihr ganzes Leben (1919 – 2013) bis auf die Studienjahre auf Sardinien, schuf ein subtiles, vielgestaltiges Werk, in dem auch das Nähen, Naht als Schrift oder Grafik, ein Band/Verbindung/Verbundenheit eingesetzt wird. Sheila Hicks erscheint wie die Grande Dame der präzisen Wicklungen für raumgreifende Installationen und auf sie würde wohl Textilkünstlerin explizit zutreffen. Am Ende des Arsenale setzt sie mit ihren hochaufgestapelten voluminösen, in intensivem Blau-Violett-Rot-Orange-Gelb leuchtenden Garnballen ein Fanal im Pavillon der Farbe. Unverwechselbar ist auch Abdoulaye Konates immenser Wandbehang “Brésil”. Schmale Stoffstreifen in kräftigen Farben schichtet der aus Mali stammende Künstler schuppenartig flattrig auf einer Spannweite von mehreren Metern. Vereinzelt kann man den Blick auf fein aufgestickte Motive hinzoomen: ein Fußball, ein Menschenpaar, ein Papagei… Konate fand Gemeinsamkeiten zwischen den formalen Traditionen von Mali und den Guarani des Amazonasgebietes.


Pittoresk pinnt Lee Mingwei (Taiwan) unzählige Garnspulen in allen Farben an zwei Wände und verbindet deren Fäden zu einem Bündel. Er selbst bietet an, kleine Mängel an Kleidungsstücken zu vernähen… Gleichermaßen partizipativ David Medallas große Arbeit, die er Ende der 1960er Jahre startete, bei der die Besucher aufgefordert sind, sich mit ein paar Stichen im oder als Kunstwerk zu “verewigen”. Teresa Lanceta (Spanien) arbeitete längere Zeit mit den Weberinnen/Knüpferinnen in Marokko und setzt sich mit den traditionellen Rhombenmustern der Berber-Teppiche*) auseinander; im wahrsten Sinn des Wortes werden die einzelnen Elemente immer weiter separiert, isoliert oder neu fügt.


Der Pavillon der Schamanen wurde von der bekannten Installation von Ernesto Neto gebildet, indem ein von der Decke bis zum Boden weit gespanntes Häkelnetz einen Raum für Rast und Meditation schuf – mit Referenz zum Stamm der Huni Kuin aus dem Amazonasgebiet. Im sog. Dionysischen Pavillon stellte Macel die Bilder der Schweizer Künstlerin Heidi Bucher (1926 – 1993) mit ihren Latex überzogenen Kleidchen und Dessous vor. Soll hier die erotische Wirkung beschworen werden, so liefert die libanesische Künstlerin Huguette Caland direkte sexuelle Konnotationen auf ihren bestickten Roben. Im Pavillon der Traditionen besinnt sich Michele Ciacciofera auf seine sardischen Wurzeln und erstreckt sein kleines assoziatives Imperium über die Wände und auf neun Tische: hier wird enigmatisch gewickelt und verschnürt.


Zilla Sanchez, Achraf Touloub, Cynthia Gutierres, Nancy Shaver, Frances Upritchard, Younes Rahmoun oder auch Sara al Haddad im (nationalen) ägyptischen Pavillon wären weiters in diesem textilaffinen Kunst-Parcours zu nennen, weil sie in Stoff, Geknüpftem oder Gehäkeltem ihr Ausdrucksmittel fanden. – Like it or not: Textilien als Gestaltungsmittel in der Kunst. Christine Macel mischt herzhaft die Kunst(-K)arten und eröffnet die Diskussion.


PS: auch außerhalb der Biennale laden heuer Ausstellungen zum Thema Woven Forms im Palazzo Benzon, über antike Teppiche im Ca D’Oro sowie eine Ausstellung über Alighiero Boetti zum Besuch ein.


 *) Siehe das Kunst-Stück zu den Boucherouite-Teppichen Marokkos

Viva Arte Viva
12.05 - 26.11.2017

La Biennale di Venezia - Arsenale & Giardini
30122 Venezia,
http://www.labiennale.org
Öffnungszeiten: täglich 10 - 18 h, Montag geschlossen

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