Flucht vor der Flüchtlingskunst

Raimar Stange, 06.07.16

Jüngst hat Wolfgang Ullrich bei „perlentaucher.de - dem Kulturjournal“ seinen Text „Kunst und Flüchtlinge: Ausbeutung statt Einfühlung“ publiziert. In diesem hat er auch über die Aktion „Flüchtlinge Fressen – Not & Spiele“ des Berliner „Zentrums für politische Schönheit“ geschrieben, genauer: Ullrich hat in seiner selbst erklärten „Analyse“ gut 3/4 der Aktion nicht einmal erwähnt, um die Aktion dann in Gänze wortreich diffamieren zu können.

Zunächst sei also kurz besagtes Projekt des „ZPS“ vorgestellt, das, verkürzt formuliert, aus mindestens vier, ineinander verzahnten Teilen bestand. Da war also eine schwarze Box mit einem Tiergehege, in dem wie in einem Zoo vier Tiger leben, direkt neben dem Gehege war eine Monitorwand installiert, auf der sowohl Filme zur Flüchtlingsproblematik wie Live-Übertragungen von Fußball-EM-Spielen zu sehen waren. Dann gab es den Plan mit einem gecharterten Flugzeug Flüchtlinge aus der Türkei nach Deutschland zu fliegen. Dieses war der Kern des Projektes: Um diesen Flug zu ermöglichen, ist die Abschaffung der EU-Richtlinie 2001/51/EG erforderlich. Dazu forderte das „ZPS“ mit seiner Aktion den Deutschen Bundestag auf. Würde dieser die Richtlinie nicht abschaffen, kündigte das „ZPS“ an, sich freiwillig meldende Flüchtlinge den Tigern zum Fraß vorzuwerfen. Der dritte Teil bestand aus einer Internetseite, auf der über das Projekt informiert und Geld für das Chartern des Flugzeuges gesammelt wurde, außerdem konnten die User entscheiden, welche Flüchtlinge mitfliegen würden. Last but not least fanden während der 12 Tage des Projektes jeden Abend Diskussionsveranstaltungen statt, u.a. mit so prominenten Gästen wie z.B. Jakob Augstein.

Ullrichs Text nun geht lediglich auf den ersten Teil des Projektes ein, unverständlicherweise hält er weder den Plan des Fluges, die Internetseite oder die Diskussionsveranstaltungen einer „Analyse“ wert! Diesen ersten Teil dann beschreibt er als ein „Reduzieren“ auf ein „tödliches Schockerlebnis“ – ist ihm nicht aufgefallen, dass die Black Box mit den Tigern vor dem Gorki-Theater stand und dass vor ihr immer wieder Männer, verkleidet als römische Gladiatoren, standen, das Ganze sich also überdeutlich als Schauspiel auswies?! Als Fiktion schockte die Aktion daher kaum, provozierte aber sicherlich. Zudem gab es direkt neben dem Gehege besagte Filme zur Flüchtlingsproblematik und als Diskursangebot die abendlichen Diskussionsveranstaltungen - von einem „Reduzieren“ auf ein “Schockerlebnis“ kann also sowieso überhaupt keine Rede sein. Der Plan mit dem Flug, wie gesagt ebenfalls von Ullrich nicht erwähnt, setzt der provokanten und diskursiven Seite der Aktion außerdem eine pragmatische, lösungsorientierte entgegen – „Reduzierung“ der „gesamten Flüchtlingsproblematik“ ...? Bis ins letzte Detail ist dieser Text fehlerhaft, ein Beispiel muss hier genügen: Ullrich unterstellt dem „ZPS“, dem Publikum etwas „Unverwechselbares“ bieten zu wollen – die Möglichkeit auf der Internetseite auszuwählen, wer mit dem Flieger aus der Türkei ausreisen kann, dieses ist ganz offensichtlich ein Schlingensief-Zitat und somit das Gegenteil von „unverwechselbar“. Und beinahe absurd wird es, wenn Ullrich dem „ZPS“ vorwirft die Flüchtlinge „einseitig“ als „verzweifelte“ Menschen darzustellen – hätte er gern fröhliche Flüchtlinge gesehen??

Man kann „Flüchtlinge Fressen – Not & Spiele“ kritisch sehen, aber jede Kritik setzt erst einmal eine ernstzunehmende Wahrnehmung voraus. Diese extrem verkürzte „Analyse“ hier aber ist eines Journalisten nicht würdig, geschweige denn eines Wissenschaftlers. Wolfgang Ullrich gelingt nicht mehr, als sich willfährig zum Sprachrohr frustrierter Kunst-Kunst-Künstler zu machen, denen aktivistische Kunst nun mal stets ein Dorn im Auge ist.

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6 Postings in diesem Forum  versenden Ihre Meinung

Ihre Kritik
Wolfgang Ullrich | 07.07.2016 09:14 | antworten
Lieber Herr Stange, danke für Ihre Kritik! Sie geht nur leider ziemlich ins Leere. Warum teilen Sie Ihren Lesern nicht mit, dass ich mich in meinem Essay, der insgesamt der Frage gewidmet ist, welches Bild von Flüchtlingen in den medienwirksamsten Kunstaktionen der letzten Zeit entsteht, sehr ausführlich mit allen Teilen der ZPS-Aktion „Die Toten kommen“ (2015) auseinandersetze? Dagegen kommt die Aktion „Flüchtlinge fressen“ nur in zwei Absätzen vor – aus einem ganz einfachen Grund: Diese Aktion fand von 16. -28. Juni 2016 statt, mein Text ist aber, wie am Schluss ausdrücklich vermerkt wurde, ein Vortrag, den ich am 17. Juni gehalten habe. Er wurde am 20. Juni veröffentlicht, also zu einer Zeit, als „Flüchtlinge fressen“ noch längst nicht abgeschlossen war. Es ging mir nur darum, auf der Basis meiner längeren Analyse von „Die Toten kommen“ einen ersten Blick auf die neue Aktion zu werfen, um zu überprüfen, ob da ähnliche Tendenzen feststellbar sind – oder ob vielleicht doch ein ganz anderes Bild von Flüchtlingen gezeichnet wird. Dies schien mir nicht der Fall zu sein; bestätigt fühlte ich mich darin auch durch etliche andere Kommentare, die bereits in den ersten Tagen von „Flüchtlinge fressen“ publiziert wurden. So zitiere ich Peter Nowak von „Telepolis“ – von ihm stammt übrigens auch die Qualifizierung, es würden „verzweifelte“ Flüchtlinge gezeigt – er zieht einen interessanten Schluss daraus. Dass Sie aber nicht mal in der Lage sind, das als Zitat zu erkennen, sondern es als meine Aussage erwähnen, wirft insgesamt nicht das beste Licht auf Ihren Text. Im übrigen werde ich das Thema vermutlich nochmal in einem größeren Zusammenhang aufgreifen – und kann Ihnen versichern, dass „Flüchtlinge fressen“ dann umfassend gewürdigt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Ullrich
Tendenziös
Raimar Stange | 07.07.2016 10:02 | antworten
Ihr Text wurde also einen Tag nach dem Beginn der Aktion gehalten, also einem Tag nachdem die Aktion bereist in Gänze, also mit Internetseite, mit den Vorträgen, mit dem Video, mit dem Plan des Fluges, an den Start gegangen war. Es gibt also überhaupt keine Entschuldigung dafür diese Bestandteile von "Flüchtlinge fressen" zu Verschweigen, um dann dem "ZPS" ein "tödliches Schockerlebnis" unterjubeln zu können. Ihr Text ist schlicht fahrlässig und tendenziös.
Ihre Kritik (II)
Wolfgang Ullrich | 07.07.2016 10:45 | antworten
Lieber Herr Stange, nochmal: Mein Essay widmet sich, sofern er vom ZPS handelt, der Aktion "Die Toten kommen" - und hat überhaupt nicht den Anspruch, "Flüchtlinge fressen" umfassend und in allen Teilen zu besprechen, was zu dem Zeitpunkt auch noch gar nicht möglich gewesen wäre. Dass das ZPS seine Aktionen generell auf ein "tödliches Schockereignis" (nicht "Schockerlebnis", bitte richtig zitieren!) konzentriert, hatte ich anhand von "Die Toten kommen" diagnostiziert - und fühlte mich durch das, was von "Flüchtlinge fressen" am 17.6. bereits bekannt war, darin bestätigt. Website, Vortragsprogramm etc. hatte ich übrigens alles schon wahrgenommen, ich hätte auch dazu einiges schreiben können, um meine Thesen weiter zu unterfüttern, aber das hätte eine Unwucht in den Artikel gebracht, der ja nicht nur vom ZPS, sondern genauso von Olafur Eliasson und Ai Weiwei handelt. Im übrigen freut es mich, dass Sie an meiner Analyse von "Die Toten kommen" sowie an meinen anderen Thesen offenbar nichts auszusetzen haben, sondern sich nur daran stören, dass ich eine noch laufende Aktion noch nicht abschließend interpretiert habe. Das hätte ich im übrigen auch fahrlässig gefunden. Dass ein Artikel tendenziös ist, finde ich hingegen sogar wichtig: Warum sollte man schreiben, wenn man keine klare Meinung hat? Oder halten Sie etwa Ihren eigenen Artikel nicht für tendenziös?

Seien Sie freundlich gegrüßt

Wolfgang Ullrich
Raimar Stange | 07.07.2016 13:42 | antworten
ich schriebe über "flüchlinge fressen" weil dass das aktuelle projekt vom "zps" ist und weil hier besonders deutlich wird, wie sie auch mit den beiden anderen künstlern und ihrer engagierter arbeit umgehen: sie beuten arbeiten aus, um, wie sie selber schreiben, ihre thesen zu "unterfüttern". wissenschaft wäre das gegenteil: arbeiten anylsieren und dann daraus thesen entwickeln. dazu muss man die arbeiten kennen. da nun am 16., also 4. tage vor ihrer publikation, alle teile des projektes bereist bekannt waren, frage ich sie: haben sie die aktion eigentlich gesehen bevor sie sie auf das "tödliche schockerlebnis" (sorry, für mein schlampiges zitieren vorhin) reduziert und somit diffamiert haben?
entschuldigung
raimar stange | 07.07.2016 14:02 | antworten
ich hab wieder falsch zitiert, sorry sorry,: es heißt: "schockereignis.
Immer wieder
keine Ahnung | 28.07.2016 10:53 | antworten
bin ich über Ihren aggressiven und völlig "tendenziösen" Ton erstaunt und schockiert.
Und ich bitte das artmagazine diese Kommunikation nicht wie in früheren Beispielen von Disputen zwischen Ihnen und Ihren Kollegen zu löschen, schließlich wird einem durch die Wiederholung der Vorfälle einiges an der Motivation durch eine persönliche Disposition klar, die nichts mit dem Gegenüber oder der Sache zu tun hat.

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