Lebenszeit und Weltzeit
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Lebenszeit und Weltzeit

Foto: Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik/Zuse-Institut Berlin 1,3 Milliarden Jahre ist es her, dass zwei unfassbare Phänomene namens schwarze Löcher aufeinander prallten. Sie hinterließen dabei so etwas Ungreifbares wie Gravitationswellen. Der unglaubliche Denker und Deuter Albert Einstein jedenfalls war von der Existenz dieser Wellen überzeugt, auch wenn diese Überzeugung ein wenig, nun ja, in der Luft hing. So etwas Unbegreifliches wie ein Beweis ist jetzt angetreten worden, hundert Jahre nach Einsteins theoretischer Physik. Unbeschreiblich scheint die Spanne, die sich da über Jahrhunderte und Jahrmillarden auftut. Einer allerdings hat diese Beschreibung versucht, und an ihn, Hans Blumenberg, soll hier erinnert werden, bevor ich noch länger im Naturwissenschaftlichen dilettiere. 1986 hat der Münsteraner Philosoph, manche halten ihn für den bedeutendsten Denker deutscher Sprache in den letzten 50 Jahren, sein „Lebenszeit und Weltzeit“ veröffentlicht. Die Frage, die Blumenberg zeitlebens umtrieb, nämlich wie die Menschheit zu ihren Erkenntnissen kam und wie sie daraus Wissenschaft machte, wurde hier aus existenzieller Perspektive beleuchtet. Es ging um die „Schere von Weltzeit und Lebenszeit“ (S. 87 der stw-Ausgabe, Frankfurt 1986). Der Prozess der Moderne und ihrer, wie Blumenberg es griffig nennt, „theoretischen Neugierde“ lebt davon, dass die beiden Blätter dieser Schere immer weiter auseinanderklaffen. Der interessierte Mensch merkt, dass sein individuelles Dasein nicht ausreichen wird, um all das, was er noch verstehen will, in den Griff zu bekommen oder überhaupt in seinem Ausmaß zu erfassen. Blumenbergs Beispiel ist dem gerade erbrachten Beweis sehr ähnlich: Den Stern, den die Beobachter am Himmel sehen, muss man sich als längst erloschen vorstellen, wenn das Licht zu ihnen gelangt. Die Experimente werden immer komplizierter und die Ergebnisse lassen immer länger darauf warten, verbindlich zu werden: Die eigene Lebenszeit reicht nicht aus, denn die Weltzeit kümmert sich nicht um die kleinen Gegebenheiten strebsamer Erkenntnissucher. Hans Blumenberg, Foto: Suhrkamp Was bleibt ihnen also übrig, den Suchenden, als sich mit ihresgleichen zusammenzuschließen und das eigene Interesse einzurücken in ein Unternehmen von räumlich und zeitlich größerer Dimension. Es entstehen Projekte, es entstehen Institutionen, es entstehen Theorien. Der Preis dafür ist der „Verzicht auf Daseinssinn“ (S. 241), denn das Resultat der Bemühungen wird an etwas delegiert, was ad hoc nicht gegeben ist: den Fortschritt, die Zukunft, die Wahrheit. Was sich getan hat mit der Menschheit in den wenig mehr als 3.000 Jahren, seit sich derlei rekapitulieren lässt, ist der Überhang des Delegierens gegenüber dem selber zuständig Sein, ist die Erwartung gegenüber dem Erleben. Eindrücklich kehrt Blumenberg den Preis hervor, den die Neuzeit für ihre Erkenntnisgewinne zu zahlen hatte: „Der Satz Wir wissen heute mehr über die Welt als irgend eine Zeit vorher, aber ‚wir’ heißt nicht ‚ich’, impliziert eine essentielle Enttäuschung.“ (S. 159) Das kann man so sagen, wie sein Buch überhaupt eine gute Anleitung fürs Enttäuschungen Akzeptieren und damit sterben Lernen darstellt. Zu holen, so hilft einem Blumenberg weiter, ist für den einzelnen und seine Bedürfnisse nach Sinn ohnedies wenig auf der Welt: „Das Grunderlebnis, auf das es hier ankommt, ist das einer Diskrepanz im Bewußtsein zwischen dem, was es soll, und dem, was es kann. Es soll die Welt, und es kann nur sich selbst. Zeit und Raum sind Arrangements des Bewußtseins mit seiner Enge, mit seinem Mißverhältnis zur Welt.“ (S. 88) Oder: „Was der Mensch erfahren muß, sogar in einem Paradies, ist die Gleichgültigkeit der Welt gegen ihn.“ (S. 75) Herrlich, so lässt es sich leben.

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