Werbung

Constantin Luser - Musik zähmt die Bestie: There is a house covered in gold (but we are lost anyway)

Der Space01 im Kunsthaus Graz gestaltet sich als Landkarte, als ein Fremdes, in das man eintritt – das man betritt – und zu erkunden sucht. Constantin Luser (*1976 in Graz) schifft sich ein zwischen wunderlich-zarten Messing-Objekten, die im Raum schweben, fabelhaft-massiven Messing-Skulpturen und begehbaren Instrumenten wie dem Akkumulator, der mächtig in der Mitte des Raumes installiert ist, der Stahlkonstruktion Der Baum, der Bandoneon Intensivstation oder dem Trommeliglu (Islam erreicht Nordpol), deren Töne auf der gesamten Insel zu hören sind. Doch wie sich navigieren? Ja, was ja? Kingswood (um 1700) – Der uralte Faden (um 1600) hilft uns nicht weiter. Es bleiben nur die Bruchstücke einer Skulptur für Die Beschwörung / Barokuza (etwa 1730). Mit Glück lotst uns die Stundenmutter / Die Pendlerin (2015) durch den fantastischen Irrgarten, irgendwo im Universum inmitten rätselhafter Planetenkonstellationen. Ein altes Bootsmodell verspricht Gute Aussichten, Schiffbruch und Rückfahrt. „Aus der Serie Hofstätter… Das Schiff ist aus dem 19. Jahrhundert, hatte keinen Masten mehr. In der Ausstellung hing es und schwankte, fiel herunter und bekam den 2. Teil des Namens. (1) Es darf vorsichtig berührt werden.“ Aufgrund der Anordnung könnte es verstanden werden als ein Sinnbild für Reise und Übergang. Das Schiff gilt symbolisch als Lebensschiff und erinnert an die antike Mythologie: Charon der Fährmann auf dem Schiff in das Reich des Todes, die Irrfahrt des Odysseus (Homer, Odyssee) und die Argonautensage (Pindar). Nach dem lateinischen arca (Kasten) wird es auch als Arche bezeichnet und verweist auf die Arche, in der Noah, seine Familie und die Tiere vor der Sintflut bewahrt und wodurch es später zum Sinnbild der Rettung wurde. Das Ziel ist immer der Hafen des Heils. Während Luser seine eigene Geschichte schreibt, hat sich bereits eine andere in die Landschaft eingeschrieben. Sol LeWitts Erinnerungsweg als „Erinnerungssteg“ deutet auf Spuren hin, die eine Ausstellung (Sol LeWitt, „Wall“, 28.2.–2.5.2004) im Raum hinterlassen hat: „minimal / Konzeptkunst / Reduktion der Formen sowie prinzipielle Kritik an Materialität – deren Genese / Prozess – was bleibt von dieser Genese“ fragt Luser und hat den gesamten Boden mit Kommentaren versehen: „genau hier stand also die Wand / und beschrieb eine Kurve / wie diese Spuren entstanden sind weiß ich nicht“. Lusers „Vermessung der Welt“ findet u.a. in Form von Nummerierungen seinen Ausdruck: „es sind 284 dieser Spuren (Konzeptkunstspuren) / für mich ist es die Spur eines Kunstsauriers / ich verwende die Spuren als Denkfelder um entlang einer Linie zu assoziieren“. Der Raum macht sichtbar und dient als Landkarte als Sinnbild der Welt, die im Zusammenhang mit der Vanitas-Idee gedeutet werden kann. Die bereits zu Beginn gezeigte Videoarbeit Das rote Seil (2012) lässt unzählige Chiffren erkennen. Formal als animierte Illustration gestaltet, versetzt deren Soundtrack (Maria Callas und The Cinematic Orchestra) alles in Bewegung: Ein Spiel, das eine Maschinen-Dingwelt mit Gefühl und Zartheit vermengt. „Against Nuclear Power“ ist darin zu lesen; 8 Minuten und 26 Sekunden sind beladen mit Symbolen – der Natur und Technik entnommen – die eine fantastische Welt besiedeln. Ein Gemenge, in dem eins ins andere übergeht: Aus einem Bild, das viele männliche Köpfe zeigt, entspringt eine weibliche Figur; ein Baby wandelt sich zu einer Muschel; man sieht die Welt/Kugel, auf der sich eine Gestalt positioniert und sich aufbäumt um im Anschluss ein weiteres Objekt „auszuspucken“ bis sich ein Vogel auf einem bebrilltem Kopf niederlässt. Begriffe wie Kreislauf, Utopie, Aufbau, Geometrie, Uhrwerk, Verbundenheit oder Turmbau zu Babel, aber auch Langsamkeit und Weichheit werden laut und machen gleichzeitig die Frage nach deren Ikonographie zwingend. So dient die Erzählung vom Bau des Babylonischen Turmes beispielsweise als Sinnbild der größenwahnsinnigen Überheblichkeit und Maßlosigkeit des Menschen. Eine Schnur steht symbolisch für Verbindung, erinnert an den Faden der Ariadne – ein Garnknäuel, das sie Theseus gab, damit er aus dem Labyrinth im minoischen Palast wieder herausfinden konnte (Ovid, Metamorphosen) – Sinnbild für ein zum Ziel oder zur Erkenntnis führenden Prinzips. Darüberhinaus unterstreichen die Musikinstrumente jene Symbolik und dienen stets auch als Werkzeuge der Lobpreisung und Heilwirkung. Bereits im antiken Mythos treten Apoll als Gott der hohen Kunst mit Lyra und Pan oder der Silen Marsyas als Triebwesen mit der Flöte auf, und Orpheus bezähmt mit dem Spiel auf seiner Lyra sogar die wilden Tiere. In der Profanikonographie stellen sie die fünf Sinne dar, stehen für Harmonie oder das sanguinische Temperament und werden mit der Liebes- und/oder Vergänglichkeitsthematik verknüpft. Die aus 8 Bandoneons bestehende Bandoneon Intensivstation „ist eine Art Altersheim für Instrumente, eine Burg des kranken Tones …“ so Luser. „Wir haben für 8 aus dem Internet ersteigerten Bandoneons und Bandoninas neue Kisten gebaut, sie in der entsprechenden Farbe gebeizt, die Bälge haben neue Deckel bekommen.“ Die Idee des Kollektivs sowie der Partizipation erfüllt den Raum. Die in der Ausstellung gezeigten Schuhe sind von Danijel Radić und ist ein Paar aus einer Serie von 7 Paar, die er 7 Künstlern zur Verfügung stellt um sie weiter zu bearbeiten. Hier ließe sich ein zusätzliches Element ausmachen im Hinblick auf eine mögliche Symbolik: Schuhe verwiesen einst auf einen Akt der Ehrfurcht und Unterwerfung. Die Videoarbeit Das rote Seil könnte auch der Farbe vorsichtig eine Bedeutung zuteilen, so gilt Rot als Farbe des Lebens, der Liebe und der Leidenschaft, aber auch des Machtbesitzes und der Eroberung, der Herrschaft und des Krieges und fördere den „Subtext“ der gesamten Installation, die sich bis ins Foyer des Kunsthauses erstreckt. Dort wurde Der Schop installiert. Dieser versammelt auf einem Flügel „die Produkte lauter Schefs, die im Kunst- und Kulturverein Im Ersten zusammen mit Constantin Luser in der Sonnenfelsgasse 3, Wien ein Netzwerk bilden: Ägyptische Schuhe im Omar Sharif Stil, Untragbare Hüte von Lazar Lyutakov, Marokkanisches und Bücher (Anna und Christoph Braendle), Selbstgemachte Marmelade vom Profi-Fotografen (Markus Rössle), Bücher über Artisten (Harpune Verlag), Flaschengeister (Helge Timmerberg), Tragbares von Danijel Radić, Dargestelltes von Lukas Horvath, Gläserne Sphären von Clemens Luser, Unsichtbares (Tomas Saraceno) und Erleuchtetes von Constantin Luser. Dabei soll und darf der Flügel gespielt werden!“ -- (1) Helge kam vorbei und setzte einen kleinen Tiger ins Boot
Constantin Luser - Musik zähmt die Bestie
26.02 - 01.05.2016

Kunsthaus Graz
8020 Graz, Lendkai 1
Tel: +43/316/8017-9200, Fax: +43/316/8017-9800
Email: info@kunsthausgraz.at
http://www.kunsthausgraz.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr


Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2020 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige