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Mit heißer Feder: Sieben Tage in Wien

Kehrt man in diesen Tagen an den Schreibtisch zurück, kann man nicht nicht über die Flüchtlingsfrage sprechen. Glücklicherweise bieten die Ereignisse der letzten sieben Tage – von der Großdemonstration in Wien und der daran anschließenden Bahnhofshilfe bis zum sicher zurückgekehrten Konvoi die Gelegenheit, sich den Bereichen Aktivismus, zivilgesellschaftliches Engagement und Politik ausnahmsweise ohne Abgrenzungsstress zu nähern. Denn eine der vielen Erfahrungen der vergangenen Wochen ist wohl, dass es in einer zugespitzten politischen Situation plötzlich uninteressant wird, aus welchem Praxisfeld bestimmte Handlungsformen entstehen. An die Stelle der diskursiven Tragfähigkeit eines Konzepts tritt die Qualität der Handlung und die Qualität der Zusammenarbeit. Zur Deadline dieses Texts wurde bereits wieder damit begonnen, zum alten Grenzregime zurückzukehren. Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb – bevor die alten Antagonismen wieder in den Vordergrund treten – einige Faktoren festzuhalten, die für die besondere Stimmung während der letzten Woche in Wien verantwortlich waren.

1) Minderheitenprogramm und Quote: Aufbauend auf vielen kleineren Manifestationen hoben die mehr als 20.000 Teilnehmenden der Kundgebung zu Wochenbeginn die vielen Aktivitäten der letzten Wochen und Monate auf ein neues Level. Gerade eine entscheidungsschwache Realpolitik registriert potentielle Ablehnung und Unterstützung mit Argusaugen. Nachdem die Zivilgesellschaft zuletzt an so vielen Stellen in Kleingruppen einspringen musste, gelang mit der starken Demonstration die Verwandlung von wertvollen Münzen in echtes politisches Kapital. Die Bereitschaft der Regierung zur temporären Grenzöffnung wäre wohl deutlich weniger ausgeprägt gewesen, wenn ein paar Tage vorher nur ein kleines Häuflein die Mariahilfer Straße hinabgezogen wäre. Das heroische Ausrufezeichen lieferten dann mehr als 1.000 Flüchtlinge selbst, die am Freitag mit ihrem gemeinsamen Marsch auf der Autobahn die temporäre De-Facto-Aussetzung der Dublinvereinbarungen durch Deutschland, Österreich und Ungarn mit erzwangen..

2) Neue Selbst- und Fremdbilder: Bereits der erste der sieben Tage – als am Montagabend letzter Woche an den Wiener Bahnhöfen während weniger Stunden ein anständiger Empfang für Neuankommende aus Budapest organisiert wurde – brachte einen nicht zu unterschätzenden Wendepunkt in den Selbst- und Fremdbildern der verschiedenen Akteursebenen. Bereits in den letzten Wochen konnte man eine sukzessive Aufweichung ehedem einzementierter Gegensätze – etwa jenem zwischen „gutem“ politischem Aktivismus und „böser“ Charity – beobachten. Zu viele Aktivitäten entzogen sich zu überzeugend diesen Zuordnungen. Es soll hier nur an jene großartige Freiwillige Feuerwehr erinnert werden, die mitten in der Hitze- und Ablehnungswelle dieses Sommers vor einem Flüchtlingsheim für reale Abkühlung, eingängige Symbolik und ermutigende Bilder von glücklichen Kindern gleichermaßen sorgte, indem sie Wasser in die Luft spritzte. Auch die Aktion einer kleinen wahlwerbenden Gruppe, der es von Außen gelang, ein W-LAN für die Erstaufnahmestelle Traiskirchen einzurichten, würde der Ars Electronica oder einer Hackergruppe ebenso zur Zierde gereichen wie einer avancierteren Wohltätigkeitsgala.

3) Zusammenarbeit und Organisation: All diesen und vielen anderen Interventionen war gemeinsam, dass sie für Zuwendung eintraten, als offiziell noch Abwendung und Wegweisung betrieben wurde. Und aus all diesen Quellen speiste sich eine Stimmung, aus der dann eine neue Unterstützungsformation von Einzelpersonen, aktivistischen Gruppen, Hilfsorganisationen (und den Österreichischen Bundesbahnen) entstand, deren Charme nicht zuletzt darin bestand, dass sich die verschiedenen Akteure in den digitalen Kanälen effizient die Bälle zuspielten, und sich dort für die Kooperation der jeweils anderen bedankten. Der damit gesetzte Ton sorgte für eine Festigung der Allianz, deren Souveränität sich unter anderem darin ausdrückte, dass den Regierungsstellen zur Mitte der Woche mit der Forderung nach Öffnung der Grenzen gänzlich unironisch mitgeteilt werden konnte: „Wir schaffen das!“ Es zeigte sich dabei auch etatistisch gesinnten Kräften, dass es manchmal leichter ist, eine vernetzte Zivilgesellschaft zu mobilisieren, als darauf zu warten, dass zuständige Stellen auf berechtigten Protest reagieren. So wäre es wohl keinem Krisenstab alleine gelungen, im Laufe weniger Stunden so viele freiwillige Übersetzer_innen für so viele Sprachen an die Wiener Bahnhöfe zu dirigieren. Hier liegt der Keim für noch so manche überraschende Neuausrichtung der alten Debatte über die Vor- und Nachteile der Auslagerung staatlichen Handelns. Denn hier wurde ja nicht ausgelagert, sondern übernommen. Die Dinge werden in Bewegung bleiben.

4) Erfahrung und Vorbereitung: Sosehr die besondere Situation durch die Mobilisierung anonymer und spontaner Hilfe geprägt war – es wurde ebenso offenbar, dass wertvolle Handlungsimpulse, Aktivitäten und Koordination doch häufig von jenen kamen, die sich bereits seit längerem für eine aktive Rolle in Flüchtlingsfragen entschieden hatten. Hier sei etwa auf Netzwerke hingewiesen, die sich seit der Votivkirchenbewegung gebildet hatten – allen voran die damalige Refugeebewegung selbst. Diese Netzwerke überschneiden sich wiederum mit einer Kerngruppe solidarischer Menschen in Medien, Politik und (vereinzelt) auch Kultur mit den dazugehörigen Multiplikationsmöglichkeiten. Doch auch die respektablen Aktivitäten etablierterer Kräfte kamen nicht aus dem Nichts: Krisenkommunikation war geübt, Hilfsorganisationen vorbereitet, und Sonderzüge bringt dann doch nur ein eingespielter Bahnapparat auf die Gleise. Dass zu diesem Bahnapparat ägyptische Reinigungskräfte zählen, die nach Dienstschluss bleiben, um Flüchtlingen in ihrer Muttersprache den Weg zu weisen, wirft ein Schlaglicht darauf, wie sorglos im Alltag mit den Fähigkeiten von Zugezogenen umgegangen wird.

5) Es geht weiter. Man merkt diesen Zeilen sicher an, dass sie mit „heisser Feder“ geschrieben sind. Natürlich besteht die Gefahr – durch sieben Ausnahmetage geblendet – zu übersehen, dass sich feindselige Kräfte bald wieder lauter zu Wort melden werden. Und auch der „Dienst nach Vorschrift“ wird wieder einkehren, nicht zuletzt weil Recht und Schutz vor staatlicher Willkür zu jenen attraktiven Werten zählen, um derentwillen Menschen hierher flüchten. Und es werden weiter Menschen sterben, wie jene 71 im Laderaum, derer wir weiter gedenken müssen, da aus ihrem Ersticken ein Beitrag zur Mobilisierung unserer besseren Seiten geworden ist. Wir konnten kurz sehen, dass es auch anders geht, und was wir gesehen haben, hat uns geholfen.

Ihre Meinung

4 Postings in diesem Forum
Es gibt keine
Gerald | 08.09.2015 09:09 | antworten
so wie es nie eine "Judenfrage" gegeben hat. Diese Terminologie impliziert, dass nach einer Antwort gesucht werden muss und schließlich nach einer (End)lösung. ABER: die "Flüchtlingsfrage" ist längst gelöst in der Genfer Flüchtlingskonvention. Ich meine nur man sollte aufpassen bei der Verwendung von Begriffen.
Ihr Hinweis
Martin Fritz | 08.09.2015 10:10 | antworten
Danke! Das ist sensibler Hinweis. Ich hatte in der Erstfassung "über Flüchtlinge zu sprechen" geschrieben, was ich aber dann etwas paternalisierend fand. Ich könnte einwenden, dass es auf Fragen ja auch mehrere Antworten gibt. Die besseren davon haben wir letzte Woche gesehen.
Danke
Subhash | 08.09.2015 06:36 | antworten
!
Dr med
Christine | 09.09.2015 04:55 | antworten
Echt super. Merci!!

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