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NNYKP – Neue New Yorker Kulturpolitik

Als neulich auf einem Podium wieder über »Kunst und Politik« gesprochen wurde, drehten wir uns zum gefühlt 1000sten Mal im Kreis: Kunst könne viel bewirken, doch wenn sie zu direkt politisch wird, wäre sie irgendwie keine Kunst mehr. Wo Kunst ganz konkret gebraucht wird, lauert die Funktionalisierungsgefahr und natürlich wäre das Ansinnen, dass Kunst die Abteilung »Visuelle Kommunikation« sozialer oder politischer Bewegungen übernehmen sollte, grundverkehrt. Wie so oft wurden primär jene Potenziale unterstrichen, die direkt aus den jeweiligen Rollen – als Künstler/in oder Kurator/in – erwachsen. Diese Engführung hat zur Folge, dass die politischen Ambitionen durch das Nadelöhr des Kunstwerks oder des kuratorischen Projekts gefädelt werden müssen. Viele Möglichkeiten zum Engagement neben der beruflichen Praxis bleiben dadurch unbesprochen. Ebenso selten wird die Option erwogen, dass politische Wirkung vielleicht am ehesten als Akteur/in im politischen Geschehen selbst zu erzielen wäre.

Es ist daher berichtenswert, dass die Kulturpolitik New Yorks nun bereits seit mehr als einem Jahr von einem »Kollegen« verantwortet wird. Der demokratische Bürgermeister Bill de Blasio hat im Frühjahr 2014 mit Tom Finkelpearl einen Kurator, Autor und ehemaligen Museumsdirektor zum »Commissioner for Cultural Affairs« berufen. Zu Tom Finkelpearls thematischen Schwerpunkten zählen die Kunst im öffentlichen Raum und eine daraus entwickelte nachbarschaftsnahe Museumspraxis, die er zuletzt zwölf Jahre lang als Direktor des QueensMuseum – etwa mit dem Langzeitprojekt Immigrant Movement International von Tania Bruguera und vielen Initiativen zur Einbeziehung von in Queens lebenden Communities – erfolgreich erprobte. Finkelpearl, dessen Biografie auch leitende Funktionen im P.S.1 und im stadteigenen Programm Percent for Art umfasst, hat unter anderem die Publikationen »Dialogues in Public Art« und »What We Made: Conversations on Art and Social Cooperation« herausgegeben.

Drei seiner Initiativen sollen hervorgehoben werden, auch weil sie sich dazu eignen, zum wiederholten Mal das (falsche) Vorbild eines rein privat finanzierten US-amerikanischen Kulturlebens zu relativieren. Immerhin zählen in New York 34 Kulturinstitutionen zur Cultural Institutions Group, deren Mitglieder städtische Zuwendungen erhalten oder auf städtischem Grund errichtet wurden. Diesen Hebel nutzte die Stadt für eine kulturelle Komponente im Rahmen der Einführung der IDNYC. Diese IDNYC ist ein Ausweis, der – unabhängig von einem legalen Aufenthaltstitel (!) – zur Inanspruchnahme bestimmter kommunaler Dienste berechtigt. Neben anderen Leistungen erhalten die Inhaber/innen dieser Karte Membership-Status in allen Mitgliedsorganisationen der »Cultural Institutions Group« – von der Brooklyn Academy of Music über das Metropolitan Museum of Art bis zum Bronx Zoo – mit meist freiem Eintritt und allen anderen dazugehörigen Vergünstigungen.

Auch mit einer anderen Initiative setzt Finkelpearl bei den Institutionen an. Das Department for Cultural Affairs (DCA) hat zu Beginn des Jahres bekanntgegeben, dass eine groß angelegte Studie zu den Personal- und Leitungsstrukturen in den Kulturinstitutionen in Auftrag gegeben wird, um zu untersuchen, inwieweit sich die Vielfalt der städtischen Bevölkerung in den Teams und Gremien widerspiegelt. Mit mehreren Veranstaltungen wurde zudem versucht, Aufmerksamkeit für das Thema zu wecken, das tatsächlich in der eigenen Peer-Group beginnt. Dies bemerkte etwa der Präsident des Botanischen Gartens, der sich nach einer dieser Veranstaltungen in den New York Times mit der Wahrnehmung »there weren’t a whole lot of people of color in the room” zitieren lies.

So sehr diese Wahrnehmung in das Bild einer elitenfinanzierten Kulturlandschaft passt, so sehr überrascht den Beobachter dann häufig eine andere – kommunalere – Seite New Yorks, in der dann Community Boards bei Umwidmungen mitmischen, und in der sich Neighbourhoods nicht zuletzt auch um kleine Community Arts Center herum organisieren. Vor einem Monat wurde beim alljährlichen – öffentlichen – Kulturbudgethearing bekannt gegeben, dass es gelungen sei, die Mittel des diesbezüglichen Community Arts Development Program zu verdreifachen. In derselben Stellungnahme wurde auch über die Schaffung zusätzlicher Künstler/innenateliers berichtet und über eine neue Richtlinie für das Programm Percent for Art, mit der für eine stärkere Einbeziehung der jeweiligen Nachbarschaft in die Aktivitäten der städtischen »Kunst am Bau« gesorgt werden soll.

Wir wollen also zwei Beobachtungen teilen, die über das gegenwärtige New York hinausstrahlen könnten: Zum einen zeigen sich scheinbar in manchen Zentren kommerzialisierten Verwertungsdrucks Hinweise für eine Abkehr vom kulturpolitischen Quoten-, Drittmittel- und Wirtschaftlichkeitsmantra der letzten Jahrzehnte. Es ist bemerkenswert, manche Vorbildprojekte dafür gerade in New York finden zu können. Zum anderen zeigt sich in einer Biographie wie der von Tom Finkelpearl, dass kulturpolitische Initiativen "für alle" keinen Gegensatz zum Wirken »für die Kunst« darstellen. Im Gegenteil: Sein Bemühen um Teilhabe, Bildung und Barrierefreiheit ist die direkte Folge seiner bisherigen Arbeit und damit Auswirkung eines sozial-informierten Kunstbegriffs, der spätestens seit den Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts eben auch zur Kunstgeschichte zählt.

Ihre Meinung

4 Postings in diesem Forum
So muss Kunst !
bitteichweisswas | 14.07.2015 06:39 | antworten
... hierzulande leider nur zaghaft und marginal umgesetzt wie zb im MAK-Dienstag, 18-22 Uhr freier Eintritt
DI
Karin Domig | 14.07.2015 10:57 | antworten
...das ist win-win für die kunst...und kann bestimmt noch weiter entwickelt werden...
hr
lorenz potocnik | 21.07.2015 12:30 | antworten
sehr spannend!
KulturPOLITIK
Andreas Stadler | 31.07.2015 02:16 | antworten
Dieser spannende Bericht belegt das Engagement von Bill de Blasio als Nachwirkung von Occupy Wall Street und ermöglicht auch den Hinweis, dass auch unter früheren New Yorker Bürgermeistern eine aktive und gut finanzierte Kunstpolitik entwickelt wurde. So wurden 2010 ca 150 Millionen USD zur Hälfte für Kulturprojekte, zur anderen Hälfte für Investitionen zur Verfügung gestellt.

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