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Siegfried Mattl 1954 – 2015

Es ist unfassbar. Formulierte er nicht eben noch seine Überlegungen zum Film als verschwindendes Leitmedium und zugleich Aufzeichnungsort der Popular Memory im 20. Jahrhundert? War er nicht gerade einer der Autoren des Forschungsberichts über Wien als politisch-kulturelle Schaltzentrale der Nationalsozialisten zur Ausbeutung Südosteuropas? Hat er nicht kürzlich erst dafür plädiert, die Wiener Avant Garde nach 1945 als Ereignis im Bild des lokalen Beziehungsgefüges wahrzunehmen, wo der Neubeginn paradoxerweise mit der Rückkehr zur Vergangenheit verknüpft wurde?

So präsent war der Zeithistoriker und Kulturwissenschaftler Siegfried Mattl, dass jeder Vortrag, jede Publikation derart markante Spuren hinterließ. In der Nacht auf Samstag, den 25. April ist er nach schwerer Krankheit mit nur 61 Jahren verstorben. Ein Schock, nicht nur für jene, die ihn persönlich erlebten. Stets entgegenkommend und im Gespräch die Gedanken in neuen Wendungen weiterführend, ließ er sich seinen Gesundheitszustand kaum anmerken. Mattl war persönlich humorvoll und gewiss im Vortrag. Für lokale Verhältnisse und strahlte er zudem eine ungewohnte Freundlichkeit aus.

Während er 1980 noch mit einer sozialhistorischen Arbeit über die Bauernbewegung in der ersten Republik promoviert hat, definierte er dann in einer Vielzahl von Projekten verbindende Flächen zwischen Kultur- und Zeitgeschichte. Schon in der Ausstellung über den Bürgerkrieg 1934 »Die Kälte des Februar« (1984 in der Koppreiter Remise) gemeinsam mit Helene Maimann erweiterte und adjustierte er traditionelle Sichtweisen der Sozialdemokratie. In der Folge fügte er den üblichen »high and low« Widersprüchen die Reklame und das Kino als Elemente populärer Kultur hinzu.

Die kulturwissenschaftliche Dimension der Zeitgeschichte prägte er nachhaltig mit seinen brillanten Essays. In einem methodischen Cross-Over zwischen Sozial- und Kulturwissenschaften arbeiten sie jene gesellschaftlichen Formationen heraus, vor denen die Entwicklung der Kunstgeschichte Wiens gelesen werden kann. Wo in politisch grundierten Kunstdiskussionen gegen eine Deutungshoheit der Geschichtswissenschaft polemisiert wird, muss aus umgekehrter Sicht Siegfried Mattls Methode hervorgestrichen werden, kursierende Narrative des kollektiven Bewusstseins kritisch zu hinterfragen. Zunächst in der Sozialdemokratie, dann in der trotzkistischen GRM (Gruppe Revolutionärer Marxisten) und später in der Sozialistischen Alternative engagiert, blieb Mattl zwar der Linken und der Arbeiterbewegung nahe. Stets aber setzte er sich für eine kritische Sicht auf die historiographische Arbeit als Konstruktion von Lesarten ein.

Dabei verfolgte er einen Theoriestrang von Foucault über Deleuze bis zu Rancière. Um sich den kulturellen Agglomerationen und Reibungsflächen im Urbanen anzunähern, orientierte er sich am Kunsthistoriker Hans Tietze wie auch am Werk der Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello über den Neuen Geist des Kapitalismus, argumentierte mit der Kultur- und Filmwissenschaftlerin Vanessa Schwartz oder führte die von den Cultural Studies kommende Mica Nava ins Treffen.

Zunehmend baute Siegfried Mattl internationale Netzwerke aus, die über die Geschichtswissenschaft hinausgehen. Mitte der 1990er Jahre begann er mit ForscherInnen um den Verein fu?r die Geschichte der Arbeiterbewegung eine neue Aufarbeitung der »Metropole Wien« vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre mit Bezügen auf Klassiker der Großstadtsoziologie wie Georg Simmel, Walter Benjamin und Carl E. Schorske sowie den Osteuropaexperten Karl Schlögel.

In den vergangenen Jahren widmete er sich jener »Visual History«, die sich im Verhältnis zwischen Film und Geschichte manifestiert. Die verschiedenen Facetten von Siegfried Mattls Forschungen reflektiert der kürzlich erschienene Sammelband »Die helle und die dunkle Seite der Moderne«. Dass Mattl selbst nicht mehr sprechen wird, ist ein enormer Verlust für das Geistesleben.


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»Die helle und die dunkle Seite der Moderne«, Festschrift für Siegfried Mattl zum 60. Geburtstag, Hg. von Werner Michael Schwarz und Ingo Zechner. Wien. Turia + Kant. 2014.

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