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Erik van der Weijde Gebilde: Entgegen der Achtlosigkeit unseres Blickes

Maria Lucia hat sich, deutlich erschöpft, in einem Gartenstuhl niedergelassen und ihr rechtes Bein über ihr linkes geschlagen, einen Arm auf der Lehne, den anderen auf dem Tisch, über den ein mit Blumen verziertes Tuch gebreitet ist, abgelegt. In der einen Hand hält sie eine Zigarette, in der anderen ein Glas. Ihre Zehen- und Fingernägel sind lackiert. Sie trägt Ohrringe und ein Cocktailkleid mit schwarzen Riemchenschuhen, die nur dazu dienen, ihren Fuß nicht auf der Wiese abstellen zu müssen. Umgeben von einer leisen Traurigkeit hat sie ihren Blick gen Boden gerichtet. Die Dauerwelle, der Lippenstift und ihre geschminkten Augen verleihen der Szenerie eine bescheidene Eleganz. Die übrigen Fotografien dieser Serie zeigen sie in häuslichem Ambiente, bei der Arbeit und mit einem Mann. Schonungslos gewähren diese Bilder intime Einblicke in die Privatsphäre einer Fremden. Die Dokumentation erzeugt eine Schwermut, zeigt den Reiz des Alltäglichen und veranschaulicht gleichzeitig dessen Absurdität. Das Ausstellungsdisplay bildet eine Raum füllende Holzkonstruktion, ähnelt einer Aneinanderreihung von Buchseiten auf einem Tisch und präsentiert eine Auswahl von Erik van der Weijdes Werken. Dabei wird ein Sujet von dem nächsten abgelöst, was den Anschein einer Narration erweckt, doch bleiben die Geschichten bei bloßer Betrachtung ein Geheimnis. Erst die Lektüre des Begleittextes gibt Aufschluss. Darüber hinaus hat jede Sequenz ein einfaches bestimmbares thematisches und visuelles Zentrum, wobei dieses inhaltlich und formal divergieren kann. Die Installation schafft eine ungewöhnliche Präsentations- und Betrachtersituation – eine Zone, die zwischen Intimität und Distanz, Schauen und Sehen, Anwesenheit und Abwesenheit wechselt. Orte – ihre Geschichtlichkeit, ihr Wesen und ihre Stigmata entstehen und transformieren sich durch unsere Wahrnehmung und unser Wissen. Von menschenleeren Siedlungen, deren gleichartigen Häuser von und für die Nazis in Deutschland gebaut wurden bis hin zu Hochhauskulissen, die den Charme der Moderne versprühen, während der Beton bereits bröckelt und zerfallen ist, und den Wohnkomplex Motomachi als den letzten Teil Hiroshimas zeigen, der wiederaufgebaut wurde. Kontraste dominieren die Inszenierung. Schwarzweißfotos werden von farbigen aufgebrochen, so zeigt die Serie Senate, Brasilia acht Fotografien des von Oskar Niemeyer gebauten Kongressgebäudes in Brasilia und die Serie Praia Fotografien von zum Teil nackten Frauen, deren Körper- bzw. Fleischlichkeit den Objektcharakter zusätzlich betonen. Auf das Abbilden der Gesichter wurde verzichtet, um die Anonymität der Prostituierten zu wahren, die an Brasiliens Stränden arbeiten. Erik van der Weijdes künstlerisches Interesse richtet sich auf Phänomene des Alltags, deren Dramatik sich, festgehalten durch die Kamera, in Augenblicken zu offenbaren scheint. Die Serie This is not my Son spielt hingegen mit der Rolle des Fotografen und seines Modells, hinterfragt den Wahrheitsgehalt von Bildern und deren Macht zu täuschen. Seine erste Serie Groene Hilledijk setzt sich aus mehreren Fotografien zusammen und zeigt eine Straße in Rotterdam, in der während nächtlicher Spaziergänge Skurriles und Banales überraschend zutage tritt. Dem Querschnitt durch Erik van der Weijdes Schaffen ist eine Publikation mit dem Titel Gebilde beigelegt, die Texte von Kuratorin Maren Lübbke-Tidow sowie Pierre Dourthe, Frits Gierstberg, Dan Rule und Jan Wenzel versammelt. Laut Wenzel gelingt es dem Künstler in der auf der ganzen Welt aufgenommenen Serie Der Baum diesen als ideales Alltagsobjekt zu zeigen – als etwas, das einfach da ist. Der Baum dient hier nicht als Symbol für eine Idee der erhabenen Natur, oder als Zeuge von Geschichte, wie es einige der Orte auf den ersten Blick vermuten lassen würden, sondern als Ding unseres Alltags, das unserer Aufmerksamkeit meist entgeht. Bedeutsam und unbedeutsam zugleich, banal, aber eben auch unersetzbar. Eine Thematik, die, auf den Begriff gebracht, viele Existenzen als Einheit und damit die Poesie des Gewöhnlichen offenbart. Als Beobachter und Chronist des Alltags pflegt Erik van der Weijdes sensibler Blick demnach einen Existenzialismus, der uns dazu auffordert, genauer hinzuschauen. Behutsam und unspektakulär bleibt der Alltag in seinen Darstellungen alltäglich. So meidet der Künstler ein Zuviel an Ambition sowie den Willen zur Originalität, wodurch sein Stil laut Wenzel geprägt ist von Zurückhaltung. Sein ästhetisches Verfahren zeichnet sich durch Wiederholung und Variation aus. Die Kontaktbögen, aus Einzelbildern zusammengesetzt, werden durch das Auge des Betrachters verbunden und begriffen. Die Montage der Summe der Bedeutungslosigkeiten ist eine rhythmische Abfolge visueller Motive und Themen, die durch Brüche charakterisiert sind und entweder als Einzelbild in den Vordergrund treten oder als Bilderfolge wahrgenommen werden. Dieses Sequenzielle ist die angemessene Form, um das Alltägliche, das sich laut dem französischen Philosophen Henri Lefebvre in seiner Trivialität aus Wiederholungen zusammensetzt, adäquat zu artikulieren, und das Buch, das ein Zentrum Erik van der Weijdes Werkes bildet, dient als das angemessene Medium für dessen Fixierung. Dazu werfen seine Fotobücher die Frage auf, ob man nicht in Zukunft vom „Buchbild“ sprechen sollte, so sind die Seiten des Buches, und das Buch als Objekt nicht nur der materielle Träger von Bildern, sondern strukturieren auch die komplexe Ordnung der Bilder und verändern dabei ihren Bedeutungsgehalt. Erik van der Weijde beschreibt das Wesen und den Antrieb seiner Arbeit als einen stetigen Dialog zwischen Innen und Außen, dem Privaten und dem Öffentlichen, der Vergangenheit und der Zukunft. Dabei dient ihm die Kamera als Werkzeug für Bilder-Geschichten. Durch seine Methode beanspruchen die Sujets für sich eine Form von „Bedeutung“ und einem vordergründig banalen, bedeutungslos erscheinenden Aspekt des Alltäglichen wird durch die formal strenge Arbeit zu mehr Sichtbarkeit verholfen. Im Sinne einer „Apotheose des Alltags“ wird eine Schönheit offenkundig, die nur die Kamera zu enthüllen vermag.
Erik van der Weijde Gebilde
06.12.2014 - 15.02.2015

Camera Austria
8020 Graz, Kunsthaus Graz, Lendkai 1
Tel: +43(0) 316/ 81 555 00, Fax: +43(0) 316/ 81 555 09
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