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Schnaps für Putin: Kultur und Diplomatie

Die Kunst gefällt sich sehr in der Darstellung ihrer Autonomie und in der Betonung ihres kritischen Potenzials. Bestärkt durch einen wohlwollenden, spätbürgerlichen Konsens über ihre Bedeutung als „Spiegel“ für die Gesellschaft gelang es, die Vorstellung eines widerständig-kritischen Kunstsystems auch dort aufrecht zu erhalten, wo längst die Sponsorfahnen wehten, und PolitikerInnen damit begannen, vor den Gemälden von Hermann Nitsch für Interviews zu posieren. Zugleich wurden jedoch im Zuge der Transformationen der letzten Jahrzehnte Kritikfähigkeit, Widerspruchsgeist und die Bereitschaft zu permanenten Umwälzungen zu zentralen Wirtschaftswerten („Think different“), womit sich der Kreislauf zwischen symbolischem, realem und politischem Kapital wieder schloss, der seit den Fürstenhöfen der Renaissance eigentlich nie vollständig unterbrochen war.

Ebenso lange zählt Kunst zum nützlichen Instrumentarium zwischenstaatlicher Beziehungen. Es genügt, auf Rubens zu verweisen, von dessen diplomatischer Tätigkeit eine Linie bis zu der Inanspruchnahme des abstrakten Expressionismus durch die amerikanische Nachkriegspropaganda gezogen werden könnte. Natürlich existiert zu dieser Geschichte eine Parallelerzählung: In dieser müsste von der Weigerung Picassos, Guernica im undemokratischen Spanien auszustellen, ebenso erzählt werden, wie vom Pop-Boykott gegen das damalige Apartheid-Südafrika. Oder wir würdigen Ai Wei Weis Kampagnen und Pussy Riots emphatische Auflehnung. Doch gerade der Blick nach Osten offenbart eine andauernde Verstrickung der Kunst in die Welt der interessensgeleiteten Diplomatie, die erwähnt werden sollte, wenn anlässlich der Olympiade im russischen Sotchi von der Sportwelt Distanzierungsgesten gefordert werden.

Wie so oft spricht der Originaltext des Staates eine offene Sprache: „Auslandskulturpolitik gehört zu jenen gestaltenden Elementen der österreichischen Außenpolitik, mit welchen die außenpolitischen Ziele Österreichs in einer immer stärker vernetzten Welt und sich gegenseitig beeinflussenden Kulturen dargestellt und wahrnehmbar gemacht werden können.“ heißt es im aktuellen Auslandskulturkonzept 1). Der Konnex zur derzeit stattfindenden Olympiade liegt deutlich auf der Hand, da der Schwarzmeerraum bereits seit längerem als einer der geographischen Schwerpunkte österreichischer Auslandskulturpolitik definiert ist. In Wladimir Putins gestrigem Besuch bei der österreichischen olympischen Delegation kulminierte somit jene spezielle Aufmerksamkeit, von der es auf der Webpräsenz des österreichischen Außenministeriums heißt: „Ziel des Schwarzmeerfokus der österreichischen Außenpolitik ist es, das große Potenzial der Schwarzmeerregion für Österreich stärker zu nützen. .[...] In diesem Raum werden die Weichen für die künftige energiepolitische Absicherung Europas gestellt. Stichworte sind Diversifizierung, Interkonnektivität sowie Versorgungssicherheit. [...] Mit dem Schwarzmeerschwerpunkt will die österreichische Außenpolitik auch Türöffner für österreichische Unternehmen sein, die sich in diesem Absatzmarkt von 140 Mio. Einwohnern mit steigender Nachfrage engagieren wollen.“ 2)

Wenn sich Putin also im „Austria Tirol House“ leutselig ein „Schnapserl“ gönnt, und dazu die „Zillertaler Sänger“ das Lied „Die Almhüttn“ spielen, besteht für die Kultur kein Grund zu snobistischer Distanzierung. Denn nur zwei Absätze nach der pragmatisch-ökonomischen Begründung des „Schwarzmeeerfokus“ spricht das Außenministerium auf derselben Website über Kulturprojekte, wobei auffällt, dass die Präambel hier deutlich idealistischer formuliert wird: „Im Einklang mit Programmen der Europäischen Union […] entwickelt Österreich seinen spezifischen Schwarzmeerschwerpunkt. Die Kulturpolitik will zu einer weiteren umfassenden Stabilisierung der Region im Sinne von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand beitragen. Die sozioökonomische und menschliche Entwicklung, die Förderung von Wissen und Innovation, die Nutzung des Humankapitals, die Stärkung der Zivilgesellschaft und die Verfestigung einer “guten Regierungsführung“ sind die Leitprinzipien.“ Folgerichtig setzt eine solcherart formulierte Absicht auch nicht mehr nur auf Mozart und die Wiener Philharmoniker und inkludiert verdienstvolle Kräfte wie „Rotor“ aus Graz, dessen private Auslandskulturpolitik der offiziellen häufig voraus war. Zeitgleich zum „Schwarzmeerfokus“ verstärken die „Österreichisch-Russischen Kultursaisonen“ die Offensive. Auch in deren Programm finden sich avanciertere Kunstformen neben den Klassikern österreichischer Diplomatie. 3)

Alle Aktivitäten gemeinsam ergeben also eine „Strategie“, womit wir nach Thomas Trummers „Mobilisierung“ zum zweiten Mal bei einem tendenziell militärischen Begriff gelandet wären. 4) Zur „Strategie“ gehört auch die Kooperation der staatlichen Diplomatie mit dem Wirtschaftssektor, wie es das Generalsponsoring der „Kultursaisonen“ durch die Raiffeisen Bank und Russian Machines zeigt, und der Umstand, dass sich die heutigen Fürsten oft lieber mit Sportlern zeigen, als mit Künstlern. Doch während die Neo-Österreicherin Anna Netrebko bei der Olympiaeröffnung singt, begründet der – exklusiv von Raiffeisen gesponserte – ehemalige Schistar Hermann Maier sein Fernbleiben von der Olympiade mit politischen Argumenten. Aber wer weiß: In den komplexen Verstrickungen heutiger symbolischer, ökonomischer und politischer Welten ist jeder verfangen. Wäre es vorstellbar, dass die Sponsorberater Hermann Maier sogar zu diesem Schritt geraten haben, um bei jenem „kritischen“ Set zu punkten, das Kolumnen wie diese schreibt?

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1) Das Auslandskulturkonzept zum Download

2) Das Außenministerium zur Schwarzmeerregion

3) Zum Programm

4) Ich begrüße Thomas Trummer herzlich als neuen Kolumnenpartner

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