Oszillierende Personale

Roland Schöny, 10.02.14

Und wieder beginnt jenes Spiel, in dem eine Assoziation die nächste vorgibt und die Grenzen des einzelnen Werkes fragmentieren, weil Geschichte und Gegenwart, sogenannte Genres und ganz persönliche Spuren einander aufladen. Gar nicht so sehr der analytische Blick ist es, der sich zunächst einstellt, sondern man ist ergriffen vom Staunen, wie hier Bedeutungszusammenhänge in Vibrationen versetzt werden, wie bekannte Sichtweisen aufgebrochen, um dann eben doch wieder von einer immanenten Logik aufgefangen zu werden. Offensichtlich bleibt, dass dieses Szenario entlang einer Handschrift ausgebreitet und gesteuert wurde, ohne diese jedoch allzu fest um die einzelnen Elemente zu schlingen.

Beinahe intime Einblicke öffnen sich, wenn der Künstler Verwandtes, von ihm Geliebtes, in Schräglage Durchanalysiertes zeigt. Doch interessant: Franz Graf agiert bloß wie ein Kurator, wie ein Fan und wie ein Konzeptkünstler, für den Sound auch noch eine enorme Rolle spielt. Keines der Kostüme trägt er jedoch ständig. Das Environment, das man hier betritt, ist gleichsam seine Bühne, auf der Graf diese wechselnden Positionen souverän durchspielt.

Strukturiert durch ein Display gelber Schalungsbretter wie ein temporäres Gerüst, breitet Franz Graf nämlich zusätzlich zu seinen Zeichnungen oder grafischen Werken, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Videos, Fotografien oder Schallplatten aus. Exponate aus seiner eigenen Sammlung und noch mehr noch aus den Depots des Belvedere. So kommt es, dass einen zu Beginn etwa neben der geisterhaften "Betty" von Markus Schinwald, auch "Der große Eselreiter" (1914) von Markus Gaul ansieht. Auch Herbert Boeckls Skulptur "Atlantis" (1940/44) steht nicht unweit von hier. Wie aufeinander abgestimmt wabbern Soundpakete durch den Raum, piept ein Video hier oder blubbert es dort. Wie "Lucid Phantom Messenger" (2008/10) von Herwig Weiser. Geisterhaft wieder ein Video von Marc Adrian. Gegenüber vom Eingang ein DJ-Pult. Aufschrift auf der davorgehängten schwarzen Decke: "BINÄR". Genial! Aber auch alte Tapes gibt es: von John Cage. Eine Picturedisc von Merzbow, Werke der AktionistInnen ebenso wie von Mike Kelly oder Elke Krystufek oder ein Stück Bodyscan von Eva Wohlgemuth.

Was sich im Detail nur schwer analysieren und rezensieren lässt, macht auf einer assoziativen Ebene Sinn, regt an, lässt sich entweder aufeinander beziehen, oder man lässt es so stehen. Es eröffnet sich gleich der nächste Kosmos. Fast wäre man versucht, den Begriff des Gesamtkunstwerks zu reaktivieren, würde hier nicht so viel offen bleiben. Genau das macht diese Ausstellung im 21er Haus so spannend. Kaum manifestiert sich so etwas wie Klarheit, schleicht sich auch schon wieder ein Bündel von Fragen an.

Franz Graf, der aktuell von Institution zu Institution gehievt und sogar als einer bedeutendsten Zeichner der Gegenwart apostrophiert wird und die eigene Zeichnung selbst auch an höchste Stelle seines Ausstellungsgerüstes hievt, zeigt so etwas wie eine Retrospektive; allerdings eine Zusammenschau seiner Ideen, Konzepte und Vorlieben. Wir erinnern uns an seine Auseinandersetzung mit geometrischen Grundformen und mit dem Ornament seit den 1980er Jahren, als er noch mit Brigitte Kowanz zusammenarbeitete, zugleich an seine vielfältigen Auseinandersetzungen mit dem Medium Schallplatte, seine langjährigen Auftritte als DJ, der auch Symphonisches mit langsam, zeitlupenhaft abgespieltem Metal kombinierte. Zugleich weitete Graf sein Handlungsfeld aus, indem er diverse Fundstücke oder Möbel kombiniert, aber auch publiziert etc.

Allein daraus ergibt sich jene Logik, die nun zur Ausstellung im 21er Haus führte. Von einem Künstler wie Franz Graf war nämlich zu erwarten, dass er das Prinzip der heroischen Personale unterläuft oder zumindest modifiziert. Davon dürfte - richtigerweise – Kurator Severin Dünser ausgegangen sein. Herausgekommen ist nicht nur eine großartige Franz Graf-Ausstellung, sondern der ernsthafte und gelungene Versuch, das Thema der Einzelausstellung plausibel zu brechen und zu erweitern. Nicht nur das von Franz Graf eingeführte Prinzip der unentwegten Veränderung, Erneuerung und Intervention (durch eine Reihe von Performances) bis zum Ende dieses Ausstellungsprojekts, sollte Anlass sein, sich hier öfter auf labyrinthische Wanderschaft zu begeben.

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Bis zum 7. März zeigt das Büro Weltausstellung als Ergänzung zur Personale Zeichnungen von Franz Graf
www.artfoundation.at


Tipps

 

21er Haus
1030 Wien, Schweizergarten/Arsenal-Straße 1
Tel: +43 1 795 57-0
email: info@belvedere.at
http://www.21erhaus.at/
Öffnungszeiten: Mi-So 10-18 h




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21er Haus
Franz Graf - Siehe was dich sieht

29.01.2014 bis 25.05.2014

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