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Im Netz der Erinnerung

Zeitgenössische Medienkunst aus Israel wurde auf der diesjährigen Campus-Ausstellung Il(l) Machine im Rahmen der Ars Electronica 2013 präsentiert. Auf den ersten Blick wirkt die Bilderserie Mediocre von Liliana Farber in ihren sublimen Grautönen wie Farbfeldmalerei und derart deplatziert auf einem Festival für Medienkunst. Doch alles hat seine Richtigkeit. Denn die Bilder befragen wie die Konstruktion von kultureller Identität und eines kollektiven Gedächtnisses unter den Bedingungen der neuen Medien wie des Internets geschehen. Diesen Fragestellungen hat sich das diesjährige Ars Electronica Festival Total Recall zugewandt, dessen Leitthemen das Gedächtnis, die Erinnerung von Menschen und das Speichern mit Maschinen sind. Die Künstlerin arbeitet dafür mit Liedern aus dem Umfeld der zionistischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Die Texte werden zur Grundlage für einen Algorithmus, der wie eine Suchmaschine nach passenden Bildern im Internet fahndet und sie zu einem nebulösen Bild rechnerisch verschmelzen lässt. Während die Lieder, gelesen oder gesungen, innere Bilder und Visionen evozierten, sind es heute medial vermittelte äußere Bilder, welche ein Image (einer Nation) herstellen – der iconic turn-Diskurs lässt grüßen. Ein Teil ihrer poetischen Kraft hatten der Schrift bereits im 19. Jahrhundert neue Medien wie das Grammophon und der Film geraubt, da sie Töne bzw. Bewegtbilder direkter aufzeichnen und wiedergeben konnten. Der Digitalcomputer konnte der Schrift ihre einstige Funktion als Universalmedium nicht mehr zurückgeben, obwohl gerade er sie wieder mit Bild und Ton vereinte. Dass sich mit den neuen Medien auch der Vorgang des Schreibens von Texten und gar ihr Inhalt änderte, lässt Futile Type von Yonatan Ben Simhon, Alessandra Villaamil und Ioni Gkliati buchstäblich erfahren. Angereichert um Whisky, Zigaretten und Bücher, erlaubt es die reaktive Multimedia-Arbeit sich in die etwas klischeehafte Arbeitssituation des Schriftstellers am Schreibtisch zu begeben. Das Anschlagen der mechanischen Tasten der Schreibmaschine ruft nicht nur schrittweise einen videoprojizierten Text von Pablo Neruda über das Schreiben ab, sondern auch die spezifischen Widerstände des Materials und Funktionalitäten von Hand-, Maschinen- und Digitalschriften in Erinnerung. Sie führen zu unterschiedlichen Schreib- und Gedankenflüssen. Es war Friedrich Kittler, der Nietzsches Erkenntnis „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ aufgreifend, gar die mediale Bedingtheit der kulturellen Entwicklung vorführte. Solche kritischen Impulse waren von der Initiatorin und künstlerischen Leiterin Lila Chitayat sowie den Kuratorinnen der Campus-Ausstellung Yael Eylat Van-Essen und Sayfan G. Borghini programmatisch gewollt. Im Rückgriff auf Lev Manovichs transcoding-Begriff weisen sie darauf hin, dass die neuen Medien keine neutralen Werkzeuge sind, sondern sich auf das kulturelle Feld rückwirken. In diesem Sinne befragen Liliana Farbers Digitaldrucke nicht nur die Mechanismen von Datenanalysen mit Computeralgorithmen, sondern versuchen diesem Effekt zu begegnen: Ihre Visualisierungstechnik ästhetisiert und diese Ästhetik der Unschärfe führt wissenschaftliche Visualisierungstechniken durch ihre Verunklärung ad absurdum. Dass Visualisierungen grundsätzlich sinnvoll sind, bleibt davon unberührt. Die Webentwicklerin Daphna Levin führt dies mit ihrem Tool Visualizing Collaboration & Conflict, einer Software zur grafischen Analyse der historischen Genese von Wikipedia-Artikeln, überzeugend vor. Solche Datenbanken sind heute, wie Keiltafeln einst, wichtige Medien des kulturellen Gedächtnisses. Geschichte wird dabei in Multi-Autorenschaft geschrieben. Der Funktionsweise des individuellen Gedächtnisses widmet sich Dina Kornveits mit ihrer autobiographischen Arbeit Grandmother’s Asleep. Nicht über Gerüche, sondern über die Geräusche von schepperndem Geschirr in einem Regal verbindet sie – die bezeichnenderweise auch als DJane arbeitet – die Erinnerungen an ihre Großeltern. In deren Wohnung befand sich nämlich ein derartiges Möbel, dessen Inhalt vom vorbeifahrenden Verkehr in Vibration gebracht wurde. Das zerbrochene Geschirr auf dem Boden des Ausstellungsraumes lässt uns das Vergessen nicht vergessen. Auch Erinnerungen sind brüchig und unterliegen bekanntermaßen Modifikationen. Darin unterscheiden sie sich vom digital Gespeicherten. Denn digitale Daten sind prinzipiell technisch identisch abrufbar. Dies kann allerdings durch Materialverschleiß gestört werden. Die Arbitrarität der Codierung kann zudem die nachträgliche Interpretation erschweren. Ob Internetdatenbanken und die Medienkunst in Zukunft noch Träger eines kulturellen Gedächtnisses sein werden, hängt also auch davon ab, wie die Restauratoren den Gebrauch der digitalen Artefakte lebendig halten können. Auf die leicht zu vergessende Rolle des Materials in digitaler Kunst macht Shaul Tzemachs Reason and Outcome aufmerksam. Eine künstlerische Maschine, die verspielt und quietschend für sich selbst mechanisch arbeitet und die Besucher mit ihrer tollpatschigen, aber stetigen Arbeitsweise verwöhnt. Anders als bei Jean Tinguely handelt es sich nicht um eine Klangmaschine. Vielmehr ist es ein kosmologisches System, mit welchem die Balance und die Zeit behandelt werden. Darin besitzen die Räder, die sich beim Wechselwirken mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten drehen, wie Zeitinseln ihre Lokalzeiten. Berechnet durch elektronische Bauteile und gestört durch externe, zufällige Ereignisse (Sensoren erkennen vorbeigehende Betrachter) bestimmt sich die Funktionsweise des Systems auch maßgeblich durch die unpräzise Beschaffenheit und Verarbeitung seines Materials. Auch in den Abriebspuren der Gummibänder auf dem Boden werden Zeit und Material ablesbar. Allein dieses Spektrum an Arbeiten hätte genügt, um die interdisziplinäre und kooperative Praxis an den neun beteiligten Gestaltungshochschulen aus Jerusalem, Tel Aviv, Holon, Hamidrasha etc. aufzuzeigen. Dieses Klima spiegelte sich in der Auswahl der 67 Teilnehmer – Künstler, Designer, Informatiker und Ingenieure – und war zudem in den begleitenden Workshops zu erfahren. Ebenso war den Veranstalterinnen an der Herausstellung des Spagates der Künstler zwischen der Brisanz lokaler Themen und dem globalen Diskurs gelegen. Die bewegte Geschichte und Gegenwart Israels legt eine politische Ausstellungssektion nahe. Der reflexartige Konnex wird jedoch immer wieder – auch von Künstlern – als unerwünscht und problematisch angesehen. Ilan Green wählte jedenfalls für seine begehbare Soundinstallation Sound Map 2013 die Altstadt von Jerusalem, welche die Besucher über eine topographisch sehr präzise akustische Repräsentation bereisen konnten. Die Wirkungsweise der formalen Mittel und der Bildsprache von Leni Riefenstahls Film Olympia ließ sich in einer graphischen Analyse gleichen Namens stringent nachvollziehen. Motiviert wurde die Kommunikations-Designerin Or Wolff dazu durch ihre israelisch-deutsche Familiengeschichte. Entgangen wäre dem Besucher Dor Zhleka Levys wunderbarer Umgang mit den Grenzmauern zwischen Israel und Palästina. Einreißen kann der Künstler sie nicht, wie er selbst sagt, aber in das Medium Film verwandeln, indem er jede Stele zu einem Einzelbild umfunktioniert. Sucht man Abseits des Politischen, Historischen und Biografischen nach einer spezifisch israelischen Formensprache der Arbeiten, so muss man feststellen, dass sie eine gewisse Internationalität aufweist, die der Technik der Medienkunst und den Kooperationen der Künstler geschuldet ist. Wie einst beim Handel von Waren – Grandmother’s Asleeps Porzellan weist darauf hin, das im Englischen heute noch „china“ genannt wird – sind die nationalen Schranken auch in den Künsten längst gefallen. Demgemäß pendeln viele der beteiligten Künstler zwischen Jerusalem, New York und Berlin. War auch die Qualität der Arbeiten, welche in den Räumlichkeiten der Kunstuniversität Linz zu sehen waren, sehr unterschiedlich und hatte man manchmal den Eindruck, Vergleichbares bereits gesehen zu haben (die erste Ars Electronica wurde 1979 eröffnet), so würde man die Ausstellung in jedem Falle gerne in guter Erinnerung behalten, hätte uns der Film Total Recall nicht von den Schwierigkeiten des Erinnerns erzählt.

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