Werbung
,

Das Spiel vom Kommen und Gehen. Robert Lettner (1943–2012)

Bereits seine erste Beteiligung an der Gruppenausstellung „Ergebnisse 68“ in der Galerie im Griechenbeisl im Winter 1968 zog den Unmut der Galeristin Christa Hauer-Fruhmann auf sich. Diese fühlte sich angesichts des Plakates an Che Guevaras Konterfei erinnert und liess die Plakate durch rote und gelbe Kreise überdrucken. Es sollte nicht der einzige Gegenwind für Robert Lettner bleiben.
Am 23. Mai 1943 im Flüchtlingslager Gurs im südfranzösischen Elne geboren, zuerst in Paris unter befreiten Antifaschisten, dann im Salzburger Mief der Nachkriegsjahre aufgewachsen, kam Robert Lettner 1953 nach Wien. Seine Lithographenlehre 1958–1962 führte ihn der bildenden Kunst zu und so begann er 1964 sein Studium an der Akademie für Bildende Kunst bei Franz Elsner. 1968 fanden seine ersten Ausstellungen statt. Damals war Robert Lettner 25 Jahre alt und eine große Zukunft lag vor ihm. Eine seiner ersten Arbeiten mit dem Titel „Die dritte Welt“ war von Werner Hofmann für das noch junge Museum des 20. Jahrhunderts angekauft worden und Kristian Sotriffer schrieb 1969 über ihn: „Robert Lettner ... gehört mit seinen großformatigen Tafeln, die den Wandbildcharakter aufheben, zweifellos zu den interessantesten unter den Jüngeren, die nach neuen Wegen suchen. In den letzten Bildern gelang es ihm mittels einfacher und dennoch aus einem langen Denk- und Arbeitsprozeß entwickelter Mittel, Räumliches unmittelbar in der Weise zu suggerieren, daß man sich als Betrachter aus jenem Raum herausgehoben fühlen kann, von dem aus man in die Tafeln einsteigt.“ Gemeint waren Lettners „Balkenbilder“, jene Leitmotive, welche er 1968 entwickelte und von denen er einmal sagte, dass er damit eigentlich das angestrebte Ziel perfekter illusionistischer Malerei schon erreicht gehabt hätte. So stellt der Typus des „Balkenbildes“ einen markanten Endpunkt und Auftakt im Werk Lettners dar. Einerseits Endpunkt, da die seit Malewitsch und Kandinsky anhaltende künstlerische Diskussion um den Begriff einer räumlichen Abstraktion mit dem „Balkenbild“ ein vorläufiges Ende fand; andererseits Auftakt, da Lettner mit dem „Balkenbild“ jenen Weg der Forschung beschritt, der ihn über Jahrzehnte hinweg zu immer neuen Bildfindungen führte. In jenen Jahren kristallisierten sich neben dem Begriff der Utopie, der im Verständnis Lettners seinen Ausdruck in der Unendlichkeit der Balkenbilder wiederfindet, noch drei weitere übergreifende Themenblöcke heraus, die ihn zeitlebens beschäftigten: Widerstand, die Struktur des Ornaments und Landschaft.

„Wer erklärt, wer bestimmt das Kunstwerk? Reicht Kunst noch aus, um die heute geschaffenen Experimente als Kunst zu bezeichnen? Sind Experimente, die auf lange Sicht keine Ergebnisse bringen, Kunst? Hat Kunst politisch zu sein? Muß sich der Künstler zu einer Klasse bekennen, wenn er gesellschaftskritisch ist? Wodurch unterscheidet sich der Künstler ohne Kunst von der Kunst ohne Künstler? Auf diese Fragen versuche ich durch Bilder einzugehen. In der Diskussion bin ich bemüht, mit meinen Bildern zu argumentieren.“ Bereits mit diesen wenigen zeitlosen Fragen skizzierte Lettner 1968 die Funktion des Künstlers in seinem Tun bestehende traditionell-konservative Weltbilder kritisch zu hinterfragen. Für Lettner, seit 1970 Mitglied der Wiener Secession, stand Kunst immer in einem Zusammenhang mit dem autonomen Denken. Kunst diente der Überprüfung des eigenen Denkens und somit der kontinuierlichen Erneuerung des Weltbildes. Peter Menasse zeichnete in einem Beitrag der Zeitschrift NU treffend diese Form des Widerstands als Leitlinie im Leben Lettners nach. So war Robert Lettner nie ein Opportunist. In seinem Wirken wie in seinen Werken ging er eigenständige Wege; die mitunter nicht unbedingt karrierefördernd waren. Bei seinen Ausstellungen wusste man nie so genau, was einen erwartete. Mal verwandelte er den Ausstellungsraum unter dem Motto „Verdunkelung“ in einen leeren Dark Room, dann lieferte er im Jahre 1978 in der Galerie nächst St. Stephan mit seinen „Porträts“ grinsender Freunde einen treffenden Kommentar zum Umgang bundesrepublikanischer Behörden mit Terroristen, ein anderes Mal waren unter dem Stichwort „Stilleben“ die von der RAF eingesetzten Waffen zu sehen. In der Folge blieben zwar die Skandale aus, aber die Werke behielten ihre politische Brisanz, wie der mit Adam Jankowski konzipierte, zum Ausmalen animierende Orwell-Katalog von 1984 zeigt. Mit ihm, dem aus St. Pölten stammenden Studienkollegen verband Lettner zeitlebens eine Künstlerfreundschaft, die in vielen Ausstellungen den gemeinsamen kritischen Geist und die künstlerische Seelenverwandtschaft zeigte. Dies war in der Ausstellung „Kalte Strahlung“ des Museums Moderner Kunst in Wien 1990 ebenso zu sehen wie in der letzten gemeinsamen Ausstellung „Philosophie der Landschaft“, die 2010 im Niederösterreichischen Dokumentationszentrum für Moderne Kunst in St. Pölten stattfand.

Oswald Oberhuber, von der künstlerischen Qualität des jungen Querdenkers überzeugt, holte ihn 1976 mit einem Lehrauftrag für die Grafik-Meisterklasse an die Wiener Hochschule für angewandte Kunst. Lettner leitete die Abteilung Grafik-Reprotechnik von 1985 bis 2008 und definierte seinen Aufgabenbereich im Sinne eines zeitgemäßen Laboratoriums für Lehre und Forschung neu. Mit Willi Kopf und Walter Worlitschek entwickelte er unter dem Motto „Beiträge zur laufenden Kunstdiskussion“ ein raffiniertes Konzept, um das gute alte Plakat im Sinne eines Agitprop als künstlerische Kommunikationsform im laufenden Hochschulalltag zu platzieren.

Lange bevor künstlerische Forschung en vogue und inflationär wurde, beschäftigte sich Lettner bereits damit. Er verstand unter Forschung die experimentelle Weiterentwicklung von Bildbegriffen und legte zu Recherchezwecken ein umfangreiches Text- und Bildarchiv an. Bereits in der analogen Malerei wird mit Werken wie den „Diskettenbildern“, den „Farbpartituren“ oder dem Zyklus „Das Spiel vom Kommen und Gehen“ deutlich, dass Lettner das Ornament nicht als dekorative Form, sondern als systemische Struktur und visuelles Ordnungssystem begriff. Wie die Kooperation mit dem Low Frequency Orchestra zeigte, welche 2006 eine 21-teilige Serie von Farbtafeln aus den frühen 1980er Jahren akustisch und visuell interpretierte, lassen sich diese Strukturen sowohl auf die Komposition von Musikstücken anwenden als auch zur Grundlage der Entwicklung von Formen neuer Bildfindungen nutzen. Treffend zeigte sich dies in seinen Werken digitaler Malerei der letzten 20 Jahre. Erinnert sei hier an seine Ausstellung in der Wiener Secession als Lettner im Winter 1998 mit seinen „Bildern zur magischen Geometrie“ das Untergeschoss der Wiener Secession in einen ornamentalen Rorschach-Test verwandelte. Leider kniff der ursprünglich als Pendant zu Lettner vorgesehene Sigmar Polke damals aus Mangel an Vorzeigbarem und der Ersatzmann Herbert Brandl zeigte nur brave Farbfeldmalerei. Seit 2004 entwickelten Lettner und Philipp Stadler in Zusammenarbeit Techniken einer neuen, einer digitalen Malerei. Serien wie „Bilder zur magischen Geometrie“, „Knotenbilder“ oder „Synchronwelten“ spielen mit den reichhaltigen Gesetzmäßigkeiten algorithmischer Ornamente und öffneten den Spalt zur Unendlichkeit und somit auch zu neuen Utopien. Eine theoretische Grundlage hierzu lieferten Gespräche mit Mathematikern wie Herbert Fleischner und Christoph Überhuber aber auch die Publikationen, die gemeinsam mit Mara Reissberger und Burghard Schmidt entstanden. Insbesondere letzterer lieferte als Philosoph und Wegbegleiter Lettners über Jahrzehnte hinweg die nötige Reibung, die dieser brauchte, um mit seinen Bildern im Sinne künstlerischer Forschung zu argumentieren.

Lettners Lehrveranstaltungen an der Angewandten wie „Raster Punkt Pixel“ oder „Cutting“ waren legendär, machten die Studierenden mit interdisziplinären und bildwissenschaftlichen Ansätzen vertraut und ließen sie nicht selten ein wenig ratlos zurück. Andererseits wirkte Lettner den Problemen in der Ausbildung entgegen, welche die Studierenden zwar tauglich für das Kunstmarkt-Marketing macht, aber demgegenüber das klassische Handwerk vernachlässigt. Da er für die von ihm angebotenen Aquarellkurse im Prater Arbeitsproben verlangte, saß er zumeist alleine in der Natur und fertigte seine Landschaftsaquarelle an.

Neben den ornamentalen Strukturen nahm die Auseinandersetzung mit Landschaft einen eigenen Stellenwert in seinem Schaffen ein. Die Vielheit von Licht und Farbe, von Raum und Struktur der Landschaft bildeten die Parameter, von denen Lettner ausging, um Aufgaben, Funktion und Zweck der Malerei grundlegend zu hinterfragen, zu erforschen und neu zu definieren. Die Reichhaltigkeit der hierbei gewonnenen malerischen Erkenntnisse zeigt sich u.a. in den „Blumenbildern“ und im Zyklus „Die letzten Alpenbilder“. Erinnert sei hier an die opulente postimpressionistische Farbenflut von 95 Gemälden, die unter dem Titel „Landschaft Bilder Therapie“ im Sommer 1988 in der Minoritenkirche in Krems/Stein gezeigt wurde. Es war dies meine erste Begegnung mit dem Werk Lettners und ich war zwar damals begeistert von der Art seiner Malerei, aber ein wenig geschockt von den blumigen Motiven. Erst durch meine Recherche zum Buch über die Galerie im Griechenbeisl traf ich ihn wieder und lernte seitdem seine aufrichtige Freundschaft schätzen. Im Hinblick auf seine Ausstellung in der Wiener Secession 1998 fanden über Monate hinweg unsere Gespräche in seinem Atelier in der Sandwirtgasse statt. Meinen Fragen folgte schliesslich sein „Interview“ in Form meines Porträts. Wer mit ihm zusammentraf, wurde von ihm bereichert. Sein Auge war unerbittlich, seine Zustimmung ehrlich, seine Kritik immer zutreffend.

Seinen Leitthemen der Ornamentik, Utopie, Landschaft und des Widerstands blieb er bis zuletzt treu. In den letzten Jahren arbeitete er im nördlichen Waldviertel in seinem Refugium in Aalfang seiner schweren unheilbaren Erkrankung zum Trotz. Gemeinsam entwickelten wir dort noch Konzept und Struktur seiner Werkbiografie. Die Motive der letzten Jahre entnahm er dem Garten und dem Wald. Sein letztes Gemälde zeigt Malven und ist seiner Gefährtin Margit gewidmet. Seine letzten Tuschzeichnungen erinnern in ihrer komplexen Dichte an Zeichnungen von gußeisernen Gittern, welche während seines Stipendiums an der Londoner Slade School 1973 entstanden. Als Ergebnisse einer kontemplativen Kontinuität betonen sie den Aspekt der Zeitlosigkeit, der Unendlichkeit im Werk dieses bemerkenswerten Künstlers. Robert Lettner verstarb in Wien am Abend des 6. September.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
rip
hermann staudinger | 12.09.2012 08:52 | antworten
alles gute, robert! du warst ein guter und lieber!

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2017 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige