Kunst auf dem Holzweg

Harald Krämer, 12.08.12

Unter dem Titel „Sentieri erranti“, zu deutsch mit „Holzwege“ übersetzt, werden derzeit im Museo Cantonale d’Arte in Lugano eine Auswahl der Kunstsammlung des Schweizer Versicherungkonzerns Mobiliar gezeigt. Der Ausstellungstitel orientiert sich an einer Sammlung von Aufsätzen Martin Heideggers, die u.a. den legendären Aufsatz „Der Ursprung des Kunstwerks“ enthielt. Heideggers Begründung zum gewählten Titel legt nahe, dass Holzwege im selben Wald verlaufende, mit dem Wald verwachsene Wege seien, die in ihrer Gesamtheit zumeist nur von Holzmachern und Forstleuten gekannt würden. Diese wüssten auch, was es heisst, auf einem Holzweg zu sein. Was für ein treffendes Bild für den Kunstbetrieb schlechthin und noch ein treffenderes für den Versuch aus dem Gewirr sich stetig neuer Entwicklungen und Veränderungen eine Sammlung aufzubauen. Da der Ankauf einer Version des Gemäldes „Der Holzfäller“ (1910) von Ferdinand Hodler im Jahre 1939 den Aufbau der Kunstsammlung begründete und dieses zugleich den Reigen der Werke eröffnet, scheint der Titel für die von 73 KünstlerInnen 121 ausgestellten Werke bestens gewählt.

Wie ist nun Elio Schenini, der zuständige Kurator, bei seiner Auswahl und vor allem bei seinen Arrangements vorgegangen? Bietet die Ausstellung wirklich Holzwege, also verschlungene Pfade, die den Eingeweihten fordern? Auf den ersten Blick hat es sich Schenini recht einfach gemacht, in dem er die Sammlung nach klassischen Themen und Gattungen wie Wald, Portrait, Landschaft, Struktur oder Unschärfe durchforstet und die von ihm ausgewählten Werke diesen Begriffen zuordnet. Hierzu einige Beispiele: Den mit Hodlers „Holzfäller“ begonnenen Weg folgen mit den Fotografien von Dominique Uldry, Balthasar Burkhard, Ilona Ruegg einige Wald- bzw. Baumaufnahmen. Den Übergang zum Portrait bildet Yves Netzhammer mit seinem computergenerierten Baummenschen. Nun versammeln sich einige jüngere und ältere namhafte Schweizer Portraitisten zu einem fröhlichen Gesichterreigen mit Werken unterschiedlicher Fertigungstechniken wie Franz Gertschs „Doris“, nebenan gar Albrecht Schniders gesichtloser Kopf, gegenüber Luciano Castellis Portrait von „Meret Oppenheim“, dazwischen Christian Denzlers Portraits einiger Buben und Mädchen, im Flur die durch Firmenlogos vernarbten Gesichter der Models von Daniele Buetti, diesen gegenüber die fotografischen Inszenierungen der Chantal Michel, daneben die feinen Zeichnungen von Virginie Morillo, dann Olaf Breunings „Marilyn“ und zuletzt noch Marie-Antoinette Chiarenza als Holzfällerin. Dieses Prinzip der Aneinanderreihung setzt sich in anderen Räumen fort. Neben dem „Wald aus Symbolen“ (Schenini) und den klassischen und unscharfen Landschaften ist im 1. Obergeschoss der florale Exkurs hervorzuheben. Die Gegenüberstellung der grossformatigen „Orchidee“ Balthasar Burkhards, mit den zarten Gouachen von Silvia Bächli, Annelies Strbas kleiner Studie der „Mohnblumen“ und dem fein gemalten „Stilleben“ von Uwe Wittwer ist stark und überzeugt. Letzterer bildet mehrfach und mehrmals ein Bindgelied zwischen den verschiedenen Räumen. Nach einem kurzen Intermezzo mit Interieurs und Strassenszenen gelangt man zu zwei Räumen, die einerseits treffend die Grenzen des gewählten Konzepts, andererseits das Potential der Sammlung aufzeigen. Während auf der einen Seite Hände als ikonisches Bindeglied herhalten müssen um Werke von Giacomo Santiago Rogado, Yves Netzhammer und Robert Suermondt miteinander zu verbinden, lassen sich die übrigen Werke nicht mehr in ein begrifflich enges Korsett stecken, verlassen somit die festgetretenen Pfade und öffnen den Raum für Assoziationen. Die Mikrouniversen von huber.huber finden ihren Widerpart in Isabelle Kriegs subtilen Zyklus „Die Welt entdecken“ und in dem durch Bohrungen ornamental gestalteten Zeitschriftenmagazin Paris-Match von Carmen Perrin. Sehr gelungen auch die Konfrontation von Roman Signers Flucht aus einem explodierenden Zelt mit den „Vogelhäusern „Elle et Lui“ von huber.huber angesichts der zweiteiligen Frage Remy Zauggs „Quand fondra la neige où ira le blanc“ („Wenn der Schnee schmilzt wohin geht das Weiss)“. Im 2. OG findet sich dann noch Abstrakt-Geometrisches mit strukturierten Wälder, ornamentalen Dickichten und farbenfrohen Landschaften. Auch hier gibt es neben eher simplen Gegenüberstellungen wie „Linien 10“ von Silvia Bächli mit Babette Bergers „Difficult situation“ überaus anregend gelungene Konfrontationen wie der Raum, der Philippe Decrauzats „Extended Dream Machine“, Ka Mosers feinem Farbgefüge „Kaleidoscope-eye II“ aber auch Urs Lüthis „Beauty“ und Carmen Perrins „La dame creuze“ gegenüberstellt. Im Nebenraum seien noch Dominik Stauchs „Rooms“, der ihnen gegenüberstehende Olivier Mosset und die aus Büchern bestehenden Formen Peter Wüthrichs besonders genannt.

Durch den gewählten kuratorischen Ansatz der aneinandereihenden Häufung ergibt sich eine gewisse Gleichförmigkeit, Eintönigkeit und Vorhersehbarkeit. Somit wird zwar die Quantität der von der Mobiliar gesammelten Kunst recht gut gezeigt, dennoch wird man den Eindruck nicht los, als ob die gewählten Begriffe zugleich diejenigen sind, nach denen eigentlich gesammelt wird. Die auffallend starke Präsenz von KünstlerInnen aus dem Kanton Bern ist darauf zurückzuführen, dass sich dort der Hauptsitz der Mobiliar befindet. Auch wenn, um hier nur einige zu nennen, diverse innovative Positionen wie die transdisziplinäre Forschung von George Steinmann, die spannungsreichen Holz-/Stein-Kompositionen eines Beat Feller oder die aus dem Graffiti herkommenden lyrischen malerischen Abstraktionen eines Adrian Falkner (aka Smash 137) fehlen, gibt die Ausstellung im grossen Ganzen einen recht guten Überblick über die gegenwärtige Kunstszene der Schweiz. Im fundierten Katalog wird darüberhinaus ersichtlich, dass die Mobiliar in ihrer Kunstsammlung auch über einige Schlüsselwerke verfügt, die in Schweizer Museumssammlungen so nicht vorhanden sind. Nicht zuletzt darf dies als ein Zeichen sammlungspolitischen Mutes im Sinne des Lyrikers Robert Lee Frost gewertet werden, der den weniger betretenen Holzweg dem gut ausgebauten Weg der breiten Masse vorzog. Ob es eigentlich die Aufgabe einer solchen Sammlung ist, schweizweit Gegenwartskunst zu sammeln, wäre im Vergleich mit anderen Corporate Collections zu diskutieren. Derzeit ist die Sammlung der Mobiliar recht konservativ und sehr ausgewogen; etwas mehr Mut zu Holzwegen stünde ihr gut.


Tipps

 

Museo Cantonale d´ Arte
6900 Lugano, Via Canova 10
Tel: +41 91 91 04 780
email: benedetta.giorgi@ti.ch
www.museo-cantonale-arte.ch
Öffnungszeiten: Di 14-18h Mi-So 10-18h




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Museo Cantonale d´ Arte
Holzwege. Sentieri erranti - Schweizer Kunst aus der Sammlung der Mobiliar

26.05.2012 bis 19.08.2012

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