Guter Geschmack ohne Rücksicht

Margareta Sandhofer, 07.08.12

Jan Fabre setzt hohe Ansprüche an sein Gegenüber. 2011 in Venedig strapazierte er in seiner Großinstallation in der Scuola Grande della Misericordia Michelangelos Pietà mit überzogenem Pathos, 2012 strengt er in Wien mit der Wiederaufführung seiner multimedialen Inszenierung „The Power of Theatrical Madness“ (1983) das Publikum zu späten Stunden an, mit beharrlichen Repetitionen und quälend langen Sequenzen, und in der gleichzeitigen Salzburger Ausstellung bei Mario Mauroner überwältigen seine Skarabäus-Mosaike mit unverhältnismäßiger Opulenz.
Übermäßig sind die großformatigen Mosaike, formal wie inhaltlich. Jan Fabre setzt in diesen jüngst entstandenen Werken auf die puristische Verwendung der schillernden Flügel von Skarabäen. Die Reduktion ist allerdings invertiert zur Übersteigerung, jede „normal erträgliche“ Ästhetik ist über die Grenzen getrieben. Aber so wird er das ja wollen.

Die Flügel der Skarabäen mögen ein Abfallprodukt der Nahrung und Pharmaindustrie sein, man kann also den Einsatz des „armen“ Materials als Recycling-Kunst betrachten, es bleibt doch der schale Nachgeschmack abgepflückter Flügel wunderschöner Käfer. Fabre spielt natürlich mit der Historie des Skarabäus, seiner Bedeutung als göttliches Schutzsymbol mit enger Referenz auf den altägyptischen Sonnengott Ra bzw. Re. Die Symbolik wird weiter ins Extrem aufgeladen durch die Motivik, die sich einerseits stark an die Bilderwelt von Hieronymus Bosch anlehnt, andererseits Bezug nimmt auf die kolonialhistorischen Gräueltaten im Kongo unter dem belgischen König Leopold II. Es ist Fabres Beitrag zur Aufarbeitung der seiner Meinung nach noch ungelösten Schuld in der Geschichte Belgiens. Die Dechiffrierung der Bildsprache ist ohne Erläuterung kaum möglich. Aber dieser Schwierigkeit gibt die engagierte Mitarbeiterin von Mario Mauroner mit Kennerschaft und Liebenswürdigkeit ausgezeichnete Abhilfe.

Zwischen den Tafeln hängen Kreuze, ebenfalls dicht bedeckt mit den Flügeln der Skarabäen. Daran ist jeweils ein präpariertes symbolträchtiges Wappentier gekreuzigt, etwa ein Fuchs, ein Hermelin oder eine Schlange.
Die Kruzifixe rufen die Erinnerung an Martin Kippenbergers Froschskandal in Südtirol wach. Dessen ans Kreuz genagelter Frosch, noch dazu ebenfalls leuchtend grün, hatte 2008 Südtirol in Aufruhr versetzt. Ob einfach Provokation, ironisches Selbstporträt (denn der Frosch stemmt einen Bierkrug), zugleich Blasphemie oder nicht, an eine vergleichbare Effizienz kommt Fabre nicht annähernd heran, auch wenn er idealisch „schöne“ Skulpturen schafft. Er selbst sieht sich als „Verteidiger der Schönheit“, die es gilt wiederzugewinnen und im Alltag wie in der Kunst einzusetzen. Dies betreibt er scheinbar ohne Rücksicht; auf sich selbst, seine körperliche Konstitution und vielleicht auch in viel weiterer Hinsicht. Ob er über sein Ziel hinausgeschossen hat, muss wohl jeder für sich entscheiden.

Beachtlicher und nachdenkbarer präsentiert sich die Installation im Obergeschoss, „Offering to the God of Insomnia“. Wunderlich sind die Vitrinen des 19. Jhs. bestückt. Menschliche Gliedmaßen oder auch ganze Figuren aus weißem Wachs sind mit Glasaugen, wie sie in der Humanmedizin Anwendung finden, bestückt. Wuchernd wie ein bösartiges Geschwür vereinnahmen sie die Objekte. Ein bizarres Bild – geht es hier wieder um Aufarbeitung von Geschichte, diesmal der eigenen, des Leidens an Schlaflosigkeit? Handelt es sich um eine Art von Votivgaben? Das Schaudern ist in jedem Fall präsent, vielleicht weil sämtliche künstlerische Manöver nicht dermaßen beweisführend gehandhabt sind, sondern geheimnisvoll und in den Vitrinen auch museal entrückt, von tiefschürfenderer Tragweite als es die Skarabäus-Artefakte zu bewirken vermögen.

Eine bemerkenswerte Relevanz von Fabres Werk findet sich vor allem in Wien, wo Mario Mauroner die Zeichnungen Jan Fabres und Fotografien von Robert Mapplethorpe zu Fabres oben erwähnter Performance „The Power of Theatrical Madness“ von 1984 und 1985 zeigt – meisterhaft gehängt und absolut sehenswert. Die Provokation ist in der Salzburger Ausstellung wohl offensichtlicher, ja unübersehbar, in jedem Fall den „guten“ Geschmack betreffend, und das in der „guten“ Salzburger Festspielgesellschaft.

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Die Ausstellung "Jan Fabre - The Power of Theatrical Madness" läuft noch bis zum 15. Spetember 2012

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Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18 Uhr; Sa 11-16 Uhr; sowie nach Vereinbarung


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Jan Fabre - Punishment of Lust. Tribute to Hieronymus Bosch in Congo

20.07.2012 bis 08.09.2012

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