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Die Goldhaube des KHM

Zu Anfang verstand ich die Werbung überhaupt nicht. In Wien hingen plötzlich zahlreiche große Plakate des Kunsthistorischen Museums (KHM), aber sie waren mir rätselhaft. Klar war: Man bittet für die Wiedereröffnung der Kunstkammer (geplant: Dezember 2012) das breite Publikum um eine Spende von je 49 Euro. Allerdings ist die Summe auf dem Plakat aufgeteilt in 28,- „für ihre Sicherheit“ und 21,- „für die Kunstkammer“. Ich dachte: Warum ein so hoher Geldanteil „für ihre Sicherheit“? Ist das ganze Museum etwa baufällig? Will man in der Kunstkammer bissige Tiere präsentieren? Berge ich ein spezielles Sicherheitsrisiko? Oder gibt es im Gedenken an 9/11 neue Antiterroranforderungen ans KHM? Erst der Hinweis einer guten Freundin ließ die Nebel sich lichten: „Die 28 Euro seien möglicherweise der Wert dieser merkwürdigen goldenen Kopfbedeckungen, die die abgebildeten Prominenten trugen.“ Da war ich immer noch verwirrt: Hing das Bild „Der Mann mit dem Goldhelm“ denn nicht in der Berliner Gemäldegalerie? War ich in der falschen Stadt gelandet? Oder die Kopfbedeckung eine moderne Wachauer Goldhaube – das Museum für Völkerkunde gehört ja zum KHM? Erst als ich das Plakatsujet mit dem Veloce-Fahrer sah, fiel der Groschen: Klar! Es geht um Fahrradhelme! Dass das KHM sich plötzlich so jugendlich geben könnte, wäre mir zuvor einfach nicht in den Sinn gekommen. Mittlerweile aber finde ich die Kampagne richtig gut! Mit den Helmen werden ihre Käufer zu kostenlosen Werbeträger für das KHM – auch wenn sich erste Mutige dem eigene Bekunden nach damit wie eine „Limited edition von Playmobil“ fühlen. Die mit Kkhm (Kunstkammerhauptmäzen) gebrandeten Helme sind schlicht eine überfällige Ergänzung zum im internationalen Museumswesen bereits etablierten T-Shirt-, Taschen- und Trinkbecher-Commitment: Dass man bestimmte Museen schick oder gut findet, soll man ruhig offen bekennen dürfen. Tabu ist das Tragen dieser Helme in der Öffentlichkeit jedoch leider für KunstkritikerInnen und die MitarbeiterInnnen anderer Ausstellungshäuser. Bei ersteren stehen der Objektivität geschuldete Distanzgründe dagegen, bei zweiteren die Konkurrenz, da nun offensichtlich auch das KHM verstärkt im hart umkämpften Feld der Jugend und der Zeitgenossenschaft fischen möchte. Dass der KHM-„Jugendstil“ dabei just die Goldhaube / das Krauthappel der benachbarten Secession paraphrasiert, ist allerdings bemerkenswert. Bezüglich der neuen juvenilen Ausrichtung sehe ich im Übrigen einige erfreuliche und einige weniger erfreuliche Entwicklungsmöglichkeiten. Erfreulich wäre, wenn mit der Hinwendung zum jungen Publikum die Schnittmenge zum gegenüberliegenden Naturhistorischen Museum, das ja vornehmlich von Kindern besucht wird, stark ansteigen würde und damit ein gemeinsames Foyer unter oder auf dem Maria-Theresien-Platz sinnvoll würde. Das würde die Wahrnehmung und Nutzung des Wiener Museumsforums – vielleicht samt MQ – stark forcieren. Weniger erfreulich sehe ich hingegen die Aussicht, dass das KHM plötzlich wirklich modern werden möchte. Dieses leicht verstaubt wirkende Museum eines Museums, dieses historische Bilderboudoir mit seinen Samtsofas und farbigen Wandbespannungen zugunsten eines pseudo-neutralen Faceliftings zu verlieren, wäre wirklich schade.

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