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Die bronzene Gefahr

Man muss dem chinesischen Plutokraten-Regime ja dankbar sein, dass es der Kulturgeschichte den Beweis geliefert hat für eine Einsicht, die man immer schon haben konnte: Dass vielleicht Demokratie nicht ohne Kapitalismus funktioniert, aber der Kapitalismus bestens ohne Demokratie. Staatliche Intervention bringt die Geldwirtschaft, man sieht es gerade in Griechenland, erst so richtig in den zynischen Schwung. Damit sind wir auch schon beim kapitalistischsten Unternehmen überhaupt, beim Kunstbetrieb.

Ai Weiwei stellt gerade im Herzen dessen aus, wo der Finanzkreislauf seine unermüdlichen Runden dreht. An der Plaza vor dem Plaza, auf dem Platz Ecke 58. Straße - Fifth Avenue, direkt vor dem Haupteingang jenes Hotels, in dem die Fifties-Wundergöre Eloise einst wohnte (und auf einer Fahne gleich neben dem Star-Spangled Banner an der Fassade des Hauses bejubelt wird), sind des Weltstars „Zodiac Heads“ aufgepflanzt. Sehr naturnah und sehr eindeutig die chinesischen Sternzeichen vorführend, umgeben sie die Pulitzer Fountain. Was braucht man mehr, um New York und seine Identität auf den Punkt zu bringen: Die Kapitale des Prinzips Melting Pot garniert sich mit Bronzeschädeln und darf es auch, den Autokraten sei Dank, noch kritisch meinen.

Welche Dummköpfe die fernöstliche Gerontokratie bilden, erkennt man daran, dass sie ihren besten Werbemann aus dem Verkehr ziehen. Ai Weiweis Kunst hatte ihre Betriebstemperatur von jeher darin, dass sie das chinesische Änigma einkochte in den westlichen Gefühlshaushalt. Das Fremde und Exotische und qua globaler Ökonomie mittlerweile in jede Ecke der Welt Eingesickerte wird herrlich ins Überschaubare gedreht durch die künstlerische Tat. 1.001 Chinesen auf der documenta sind dann in etwa so präsent wie 1,3 Milliarden im Rest des Universums. Sonnenblumenkerne und Porzellan und große Zahl und Tate Modern, auch das passt gut. Ai Weiwei spielt perfekt auf der Klaviatur der gelben Gefahr. Seine Melodie ist die Metonymie, einwattiert ins Pars pro Toto wird alles ganz problemlos.

Auch die New Yorker Arbeit ist ein Kuschelkurs. Die zwölf Köpfe beziehen sich auf deren sieben erhaltene aus einem der Kaiserpaläste, der im 19. Jahrhundert von britischen Truppen zerstört wurde. Kolonialismus und Chinaboom, Imperialismus und Intervention fügen sich in die Hybridkultur eines längst nur noch der eigenen Verspätung huldigenden Ästhetizismus.

Ai Weiweis „Zodiac Heads“ sind noch bis 15. Juli vor Ort, danach geht es auf Tournee durch die USA. Wem das zu weit ist, der kann sie im Moment auch in London sehen, im Hof des Somerset House. Selbe Botschaft, anderer Abguss: Die Bronzefigur ist ein gutes Medium; Ai Weiwei ist es auch.

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