Trost gegen den Trost der Aufklärung
Charles Nebelthau, 04.07.11
Vor der Aufklärung war der Mensch dem Raum und der Religion, die gegen die Zumutungen des Raums trösten sollte, ausgeliefert. Erst mit der Aufklärung wurde allmählich eine Position erworben, von der aus Wünsche nach Komfort und einer scheinbaren Stabilität im Lebensvollzug immer besser erfüllt werden konnten. Mit dem Fortschritt der Vermessung der Welt konnten Blitzableiter, Heizkraftwerke, Autos und etliches mehr erzeugt und in Dienst genommen werden.
Dass der Raum durch die Zumutungen menschlicher Eingriffe nicht weniger komplex geworden ist, führt der dänische Künstler Jakob Kolding in seiner dritten Einzelausstellung bei Martin Janda mit melancholischer Heiterkeit vor Augen. Die beiden großen Arbeiten gleich rechts neben dem Eingang sind mehrheitlich schwarz – die Farbe des unendlichen Raums und der tiefsten Löcher. In „Die Nacht auf dem Rücken“ (140x100, Lambdaprint, 2011) werden Rasterkopiestücke eines sitzenden kopflosen Mannes mit weißem Hemd und Zigarette in der linken Hand und schönen Wollsocken zusammen mit einem Geparden, einem von Haut und Augenbraue umgebenem Auge und 13 unterschiedlich großen, weißen Schnipseln zu einer Form collagiert, die an eine Taube von oben erinnern könnte. Die Benennung dieser Form mit „Taube“ ist jedoch eine unsichere Annäherung. Was hat jemand, der die Nacht auf dem Rücken hat, am Bauch? Den Tag oder die Matratze, auf der er schläft? – In der Arbeit daneben fliegen aus geöffneten Händen Schnipsel, in denen unter anderem eine Illustration mit Pilzen zu sehen ist (Ohne Titel, 140x100, Lambdaprint 2011). Gegenüber findet sich „City 2“ (Collage und Zeichnung auf Papier, 66x102, 2011), eine in einer großen tänzerischen Geste sich auflösende Männerfigur, in dessen Gesicht eine gelbstichige Luftaufnahme vielleicht einer Hafenanlage eingearbeitet ist. Bei allen zu 21 Werktiteln zusammengefassten Arbeiten handelt es sich um Collagen – also einer formalen Methodik, die verschiedene Bildräumlichkeiten miteinander amalgamiert und somit zusammenfasst, was nach logischen Vermessungsgrundsätzen für die Welt eigentlich auseinander gehört. Manche insbesondere der kleineren, als Diptychen präsentierten Arbeiten spielen mit den Gegensätzen von Weiss und Schwarz, zeigen Männer in ernsthafter Publikumsreihung, jedoch in rotorblattartigen Ausschnitten und Gegensatzecken oder Hände, die Wolkenkratzer balancieren beziehungsweise instabile Türmchen zu stützen versuchen. Dreimal findet sich die Portraitfotografie des argentinischen Surrealisten Julio Cortázar in verschiedenen Zusammenhängen – der Titel der Ausstellung wurde aus einer sehr viel längeren Kurzgeschichtenbetitelung Cortázars entlehnt.
Inkommensurabilität zählte zu den Schrecken des Menschen vor der Aufklärung. Heute, wo Gurken in Massen untergepflügt werden, um unaufgeklärte Krankheiten nicht an Menschen herankommen zu lassen, wirkt es befreiend, wenn das Unermessliche doch einmal sichtbar zusammen kommt und nichts weiter verursacht, als inkommensurable Räume zu zeigen, in denen geübt werden darf, spazieren zu gehen.

1010 Wien, Eschenbachgasse 11
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Galerie Martin Janda
Jakob Kolding - The Uncertainty of the Stability
24.06.2011 bis 30.07.2011

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