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Tanz der Tönnchenpuppen

Art.Fair 21 und „Blooom“ in Köln

Falls der Biologie-Unterricht zu lange her sein sollte: Es gibt Fliegen, die verpuppen sich in tönnchenförmigen Gebilden. Beim Schlüpfen drücken sie mit dem Kopf den Deckel des Fässchens weg. Na, und für Damen, deren Körper sich nicht, wie der Nobelpreisträger Konrad Lorenz es beschrieben hat, durch „Fettlosigkeit der Leibesmitte“ auszeichnet, sondern eher in die Richtung der Frauen geht, die ein großer Kosmetikkonzern derzeit auf die Menschheit loslässt, sagt man auch schon mal „Tönnchenpuppe“. Oi, und davon gab es auf der Art.Fair 21 / Blooom (sic!) im Staatenhaus am Rheinpark zu Köln einige zu sehen. So zum Beispiel bei Klaus Kiefer (Galerie KK, Essen), der mit Lilli Hill eine Fettfraumalerin auf dem Stand hatte, die es in sich hat. Denn, unabhängig davon, ob man selbst Rubens-Dimensionen der Weiblichkeit schätzt oder nicht, sie kann malen. Und das mit einer phatten Portion Ironie, denn die ausufernde Nackte steigt schwebend gen Himmel als „Assunta“ – der alte Mathis Gothart Nithart (a. k. a. Grünewald) lacht sich oben auf der Wolke einen Ast. KK hatte unter anderem auch Pavel Feinstein und Yongbo Zhao auf dem Stand und betrieb so eine der auffälligsten Kojen der Messe.

Nochmal zu den pupae coarctatae: Wussten Sie, dass „Mr. Spock“, Leonard Nimoy, seit 40 Jahren als Fotokünstler unterwegs ist? Und, na logo, er fotografiert nicht nur schlanke, sondern auch fette Frauen. Fünfe davon, im Evaskostüm, in „chorus line“-Formation, die Beine schwingend in Showgirl-Manier. Ironie? Tiefere Bedeutung? Schlechter Scherz, kein Geschmack? Exploitative Fotografie? Von allem etwas? Nicht wirklich lustig. Nicht wirklich gut, aber Vulkanier sind eben anders … („The Full Body Project“, je 8500 Euro, bei Emerson Gallery, Berlin. Die zeigen Ende des Monats eine Solo-Schau von Nimoy, die erste in Germanien).

Nachdem man dem Tanz der Tönnchenpuppen seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte konnte man im Staatenhaus die Messe (die beiden Messen, denn Art.Fair 21 und Blooom – mit drei „o“; heißt Blüte, so wie „in voller Blüte“– finden total parallel statt) in vollen Zügen genießen.
In der Tat ein Genuss! Der neue Veranstaltungsort (zunächst für vier Jahre gesichert; früher fand die Art.Fair 21 im „Expo XXI“-Bau statt, dann wollte das Stadttheater da hinein, blieb aber dann doch zuhause, und jetzt wird das Expo-Gelände saniert) ist ideal. Groß, großzügig im Layout, angenehme Atmospäre, breite Gänge, Ruhezonen (in Chillzonen-Manier mit entsprechender Musik) und zahlreiche Übergänge von der Art Fair zur Blooom, ein tolles Messe-Erlebnis.

Die Blooom, geleitet von Yasha Young (Strychnin Gallery) versteht sich als Messe der „Creative Industries“, also aller möglichen Aktivitäten innert wie auch jenseits des üblichen Kunstbetriebs. Da hat’s viel „Gothic“, „Lowbrow“ und „Pop-Surrealism“, und das war eine fantastische, notwendige, oft erfolgreiche und begrüßenswerte Attacke auf den verfeinerten Kunst-Unverstand jeglicher gestriger Ästhetenriegen, für die Kunst nur dann Kunst ist wenn sie sanft auf den „Undulationen der Langeweile“ (Konrad Lorenz) schaukelt. Nein, nein, nein! Ich! Will!! Blut!!! In einer so wahnwitzigen Welt zwischen Paketbomben, Fundamentalkriegern, Kinderschändern à la Fritzl & Co., Mord, Totschlag, Hunger und Elend, Kindersterben – in so einer Welt sollte die Kunst mit Stentorenstimme sprechen!

Das muss ja nicht der Subtilität entbehren. Madeline von Foerster versteht das meisterhaft. Ihre klassisch wirkenden, an Kunst- und Wunderkammern orientierten Bilder, befassen sich auch mit gefährdeten Arten (bei Strychnin Gallery; Eröffnung der neuen Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin am 12. November). Gleich nebenan hängen neue Werke von David Hochbaum, der auf persönlichen Erfahrungen beruhende asiatische Einflüsse zu hoch verdichteter bildnerischer Poesie umformt. Ein wilden Tanz der Gotik-Musen (in der Tat meint man, Guido Reni zu erkennen) veranstaltet Mimi S. in ihren Bildern auf der „Blooom“-Seite des Strychnin-Standes. Das sind Bilder für Mutige. Objekte für Mutige gab es auch, etwa bei ALP Galleries aus Frankfurt am Main. Dort zeigte Fred George unter anderem seine explizit bricolagehafte Mondlandefähre komplett mit Spieluhr („Lara’s Theme“) für den Handbetrieb, gebastelt aus einem verzinkten Müllcontainer und allerlei, was man eventuell genau darin erwartet. Das romantische Gefährt, an dem Panamarenko seinen Spaß gehabt hätte, zog Besucher jeden Alters in seinen Bann.

Zurück zur Art-Fair 21, deren Angebot generell gut war, aber dankenswerter Weise nicht nur dem Mainstream folgte, sondern öfter auch einmal aneckte, was den Messerundgang lebendig machte. Das Spektrum, eine frische, würzige Mischung aus jungen Positionen wie die überraschenden Fadenbilder von Monika Thiele (Supper, Karlsruhe) oder die peppigen Fußballstadien von Katharina Dietlinger (Hafenrichter, Nürnberg und Klimczak, Viersen; jede Menge davon verkauft) und etablierteren Positionen, wie die so schön von einem Hauch der Melancholie umwehten, farbig gefassten Skulpturen von Robert Metzkes bei Leo.Coppi (Berlin), oder die großen Gesichtsbilder von Harding Meyer, die Nocturnen von Kate Waters (bei Voss, Düsseldorf), oder auch Christopher Lehmpfuhls Dickmalerei bei Ewald Karl Schrade (Karlsruhe). Bernd Lausberg (parallel in Toronto auf der TIAF vertreten) erregte Aufsehen unter anderem mit einer mittelalterlich goldenen Hinterglasmalerei von Michael Burges, die den Betrachter an die Hand nehmen und ihn sehen lehren, Melanie Richter zeigte heuer keine Space-Babies, sondern ironisch-melancholische, ästhetisch gesättigte, großformatige Bilder von Kerzenleuchtern, aus denen ein Wind aus alten Zeiten herüberweht und heiligen ästhetischen Schauder verbreitet (Knecht und Burster, Karlsruhe), Iris WR (mit Vogelperspektiven, frisch und mutig), Monika Sigloch (Leben als Malerei in dynamischem Duktus, Ruth Grünbein (ganz neue Hirschbilder, eine gelungene Motivrettung) und Sabina Sakoh (überaus originelle, bewegende Fantasie) machten den Stand des Kunstkabinettes Regensburg zu einer Attraktion der Messe.

Ein anderer Stand, bei dem alles stimmte und der das Publikum anzog wie die Blume die Bienen war der von Michael Schultz. Sein eurasisches Crossover ist eines der erfolgreichsten Galeriekonzepte überhaupt. Die koreanische Supernova SEO, die gerade in Köln das Artotel (im Rheinauhafen) ausgestattet hat, mit einigen Bildern aus ihrem Anti-Kriegszyklus, die das Today Art Museum in Peking präsentiert hat, Ma Jun (Peking) mit seinen Tradition und Moderne verbindenden Objekten (Blickfang: ein Auto im Maßstab 1:1, bemalt in chinesischer Porzellantradition), Römer+Römer mit ihren Pixelstruktur als Malerei interpretierenden Großformaten, Huang Hes schreiende Affen, die symbolisch für menschliches Leid einstehen, Cornelia Schleimes Mensch-Tier-Fantasien, die vielem von dem, was auf der Blooom stattfindet, geistesverwandt sind – eine Quintessenz des Zeitgenössischen.
Aus Korea waren eine handvoll Galerien angereist, unter anderem die Asan Galerie (aus Asan City, Korea), für deren Angebot reges Interesse gezeigt wurde. Auf genau jenes rege Interesse stieß auch, was DavisKlemm (Frankfurt am Main) und Erhard Witzel (Wiesbaden und Dornbirn) mitgebracht hatten. Ein Renner bei Witzel: Eine 750er Serigraphie von Mel Ramos für 100 Euro. Kaum zu glauben … Erhard Witzel sagte dem artmagazine: „Wir sind wirklich zufrieden. Die Messe hat ein ausgezeichnetes Publikum, es hat hervorragende Gespräche gegeben, und das nicht nur unter kommerziellem Aspekt.“

Auch Österreich hinterließ Spuren auf der Messe: Kro Art Contemporary (Wien) zeigte erfolgreich Michal Cernusak und die Wort-Bild-Verbindungen von Ina Lotzl, Bernhard Ammerer verbindet ebenfalls Wort und Bild (bei Frey, Wien), ja auch für Christina Starzer gilt das, die man bei der Wiener Galerie Bäckerstraase4-Plattform für junge Kunst sehen konnte. Bilder von Udo Nöger, die faszinierenden Videokästen von Marck und die erregten Rotnasenclowns von Urban Grünfelder zogen die Besucher in den Stand von Peithner-Lichtenfels (Wien). A propos Besucher: Die Messe war überdurchschnittlich gut besucht, es wurde überdurchschnittlich gut verkauft (auch wenn das, wie das immer so ist, nicht für jeden Teilnehmer galt), und sogar bis in den Millionenbereich hinein (Terminus aus München gaben einen Gerhard Richter für 2,1 Mio. Euro ab). Und, etwas, das das Konzept der parallelen Messen stützt: Alle, die wegen der Blooom gekommen waren, besuchten auch voller Neugier die Art.Fair 21. Und auch das war keine Einbahnstraße. So mancher Art-Fairer machte aufregend blooomende Erfahrungen …

Die Art.Fair 21 (plus Blooom, zusammen etwa 120 Aussteller) – das ist das neue große Kunstereignis im Herbst in Köln. Es wird nicht lange dauern, dann wird die Messe ein internationales „destination event“. Anstreichen im Kalender für’s nächste Jahr sollte man sie sich sowieso schon.

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