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Schlingensief

Rainer Metzger, 23.08.10

Der Wille zum Wissen. Es ist nicht wahr, dass unser Status Quo die letzten Dinge hinter die Kulissen verbannt. Es wird nicht leise gestorben heutzutage, und es stimmt nicht, dass unser Gesundheitssystem den Tod in die Isolierstationen verbannt. Wie alles, was den Körper betrifft, ist auch der Umgang mit dem Sterben laut. Laut und deutlich.

Und so waren die Nachrufe auf Christoph Schlingensief. Was man von ihm halten wollte, war Geschmackssache. Ich habe ihn als einen Aktionisten der dritten Generation gesehen, wobei ich schon den der ersten eher entbehrlich finde. Frank Castorffs Jimi Hendrix-Faible trifft sich mit Jonathan Meeses Mythengegaukel und heraus kommt eine Art Helene Hegemann für zu früh Geborene. Bühnenfechten und Theaterblut als Essenzen eines Daseins im Surrogat. Meinetwegen.


Theater-Regisseur Christoph Schlingensief sprach in der ARD-Talkshow Beckmann über sein neues Buch, seine Hochzeitspläne und den Krebs in ihm. Foto: NDR/Morris Mac Matzen

Was ich so wenig verstehe wie schon lange nicht mehr etwas, ist der Aufwand, den das Feuilleton mit diesem Tod trieb. Keine Website der großen Tageszeitungen, die nicht mit seinem Ableben aufmachte, Postings en gros, Ganzseiter in den gedruckten Versionen, Meldungen auf der Seite eins. Vor einigen Monaten starb Sigmar Polke, eine ungleich bedeutendere Figur, mit weitaus geringerer Resonanz. Okay, der pinkelte nicht in den Wolfgangsee. Aber ist das die Erklärung?

„Schlingensief war einer der größten Künstler, die je gelebt haben“, schickte ihm Frau Jelinek hinterdrein, offenbar ganz ohne Peinlichkeitsgefühl, hier eine Augenhöhe mit, sagen wir, Michelangelo, Shakespeare, Goethe herzustellen. Ist es wirklich der ortsübliche Narzissmus, der davon ausgeht, die eigene spärliche Lebensphase sei ein entscheidender Moment der Weltzeit? Oder muss man einfach nur Mitte August sterben, denn da haben die Bekundungen genügend Platz, sich betroffenheitsökonomisch auszubreiten?

Er hatte Krebs, und er ging, wie nennt man das, offensiv damit um. Das tun heute viele, und wenn man dann auch noch ein wenig Sprachkenntnisse hat, schreibt man ein Buch darüber. Wir leben gottseidank in einer Gegenwart, da man nicht damit rechnen muss, dass einen die globale Geschichte überrollt. So kann man die Tragik, die unbenommen bei Krankheiten derlei Ausmaßes im Spiel ist, mir nichts dir nichts zum „Schicksal“ hochspielen.

Kultur, so heißt es in einem der vielen guten Gedanken Niklas Luhmanns, erlaubt einem, das Selbstbild als Fremdbild wahrzunehmen. Sieht man sich den „Bahö“ um Schlingensief an, scheint das dann auch schon alles zu sein.

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