Wer ist der Bösewicht?
Marianne Wagner , 06.07.10
Beim Lesen des Ausstellungstitels Stefan à Wengen. The Mission taucht schnell die Frage auf, um welche Mission es sich handelt, und ob in der ersten institutionellen Einzelausstellung des Auslandschweizers missioniert wird. Die Werkgruppen sind abwechselnd und in Dialog miteinander gehängt, nicht nach Räumen getrennt. Sie zeigen ein begrenztes Repertoire an Motiven: Es wiederholen sich Naturszenen mit dichter Bewaldung, darin einfache, architektonische Konstruktionen wie Holzbauten oder Baumhäuser, daneben Tiere, Wurzeln oder Gewässer, im letzten Ausstellungsraum schliesst die Ausstellung mit einer grossen Serie von Portraits.
Die Baumhäuser nehmen wir wie mit Kinderaugen aus der Untersicht war. Geträumten Zufluchtsorten gleich kleben sie im Geäst, Einblicke sind nicht möglich. Der Betrachterblick streift durch unbekanntes Terrain; Behausungen präsentieren sich als ambivalente Orte voller Stille und Unruhe, Erinnerungen und neuer Abenteuer, bewohnt und doch verlassen. Vor einigen Hütten platziert à Wengen Zeichen westlicher Kultur in Form modernistischer Skulpturen. Wie von einer anderen Welt stammend, stehen sie inmitten der archaischen Landschaft und versinnbildlichen den Weg von der Inspirationsquelle des Künstlers hin zum Kunstwerk.
In allen Bildern regiert die Farbe, das gemalte Licht beleuchtet theatralisch die Bildszene. Abstufungen meist greller Farbtöne dominieren die Bildfläche, manchmal im Kontrast mit ihren Komplementärfarben: Auf The Mission XIII (2008) treibt ein orangefarbenes Kanu auf blauem Wasser vor lilafarbenem Unterholz oder auf dem Bild Kanzel (2009) türmt sich ein Hochsitz vor einer Kulisse in Lila, Gelb und Grün. Einerseits imitiert à Wengen in seinen Bildern Eigenschaften der Fotografie; andererseits verstärkt er den allgegenwärtigen Eindruck unheimlicher, nächtlicher und surrealer Szenarien.
Immer wieder werden Blicke von Tieren und vor allem im letzten Saal der ‘böse Blick’ des Menschen thematisiert. In den 49 Geisterportraits setzte à Wengen Augenpaare von Verbrechern in beliebige Jedermann-Gesichter aus Bilddatenbanken ein. Darin finden sich jedoch keine ‘böse Blicke’, sondern eher indifferente oder sogar lächelnde Gesichter.
Von der Physiognomie, schon gar nicht von einem Augenpaar, lässt sich auf den Charakter eines Menschen schliessen. Unheimlich sind vielmehr die Wiederholungen gleicher Augenpaare in verschiedenen Gesichtern; ebenso sind wir uns selbst unheimlich, denn à Wengens Symbiose von vermeintlich Gut und Böse wirft uns auf das unsichtbare Böse in uns selbst zurück. Wie jede Mission bleibt auch Stefan à Wengens Mission nicht frei von Sendungsbewusstsein. Es macht aber ‘unheimlichen’ Spass sich von seinen Bildern missionieren zu lassen und zu fragen: Wer ist der Bösewicht?

6002 Luzern, Europaplatz 1
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Kunstmuseum Luzern
Stefan à Wengen. The Mission
30.04.2010 bis 01.08.2010

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