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WM-Postings

Rainer Metzger, 28.06.10

An dieser Stelle ist bereits angemerkt worden, dass ein nicht geringes Vergnügen bei internationalen Sportveranstaltungen darin besteht, der narzisstischen Kränkung zu folgen, die österreichische Internet-Teilnehmer, die sich vermutlich für Fans halten, in diversen Foren, vor allem auch des „Standard“, zum Ausdruck bringen. Auch diesmal, anläßlich der Fußball-Weltmeisterschaft, ist das nicht anders. Und doch ist es anders, denn der blinde Hass, der jetzt die Deutschen nach ihrem Achtelfinal-Sieg trifft, nachdem es im Fall Frankreichs und Italiens eine, sagen wir, Österreich-üblich etwas exaltierte Schadenfreude gewesen war, ist nicht mehr lustig.
Natürlich legen viele Deutsche auf derstandard.at mit Freude ein, wie man es ortsüblich nennt, Scheitel nach. Die Deutschen verrohen womöglich die Sitten, doch die Beflissenheit, die letzte Sau raus zu lassen, wird dann unübertrefflich vom südlichen Nachbarn exekutiert. Man kennt das ja aus eben der Geschichte, auf die hinzuweisen die Postings natürlich nicht müde werden. Formulierungen wie „du Hirnkrankes Arschlochartiges Amstettener fick dich selber Kellerkind!!!“ auf einen Satz wie „Armseelig, dass es Pief.. gibt, die so einen Sieg feiern“ sollen die Schlacht offenbar so richtig in Schwung bringen. Dass die Anspielung auf Amstetten im Rahmen der Bewertung mit grünen und roten sogenannten „Stricherln“, die die Poster speziell bei Laune hält, ebenso oft positiv als negativ taxiert worden ist, versteht sich dann quasi von selbst.
Die Fußballspiele werden bei derstandard.at als „Live-bericht“ verfolgt und kommentiert. Da gibt es eine eigene Redaktion, die die Ereignisse unmittelbar in knallige Slogans umsetzt, die dann wiederum die Reaktion der User auf Trab bringen sollen. Wie es aussieht, ist bei Deutschland-England der zuständige Redakteur, er nennt sich Tom Schaffer, übers Ziel hinausgeschossen. „Saubeschiss“ war sein Kommentar auf das fälschlich nicht gegebene zweite Tor der Engländer, er legte nach mit „das geht mir so was von am Zeiger“, um mit einem „Das Problem ist ja, dass mir die deutsche Mannschaft gar nicht unsympathisch ist“ weiterzumachen. Speziell die letzte Bemerkung hat es in sich. Es ist schon eklatant genug, dass eine Figur, die als Moderator eingesetzt ist, die Stimmung anheizt; dass Schaffer es praktisch contre coeur betreibt, aus einer Automatik des Deutschen-Bashing heraus, ohne die sein Betrieb offenbar in der Bedeutungslosigkeit versanden würde, ist pures Kalkül mit dem Ressentiment.


Screenshot aus der Website derstandard.at

Der Standard ist vor zwanzig Jahren angetreten, dem Voluntarismus in Österreichs Pressewesen eine Alternative entgegenzusetzen. Gegen die journalistische Maul-und-Klauenseuche der diversen Kleinformate sollte so etwas wie Argument und Räsonnieren helfen. Man sollte nicht mehr aus dem Bauch heraus schreiben, sondern aus dem Hirn, und die dumpfen Triebe eines Landes, das sich nur allzu gern selbst dispensiert, sollten kein Medium haben, um sich vom Raunzerisch-Unflätigen ins Faschistische zu vervielfältigen. Was jetzt bei den Postings passiert, ist genau dieser Umschlag von einer allfälligen Psychopathologie ins Inhumane. Und das in aller Institutionalität eines Organs, das sich als Qualitätszeitung versteht. Herr Bronner, stoppen Sie die Entwicklung. Das macht langsam Angst.

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