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Museum der Moderne als Name

Ist von einem Museum der Moderne oder einer Galerie der Gegenwart die Rede, so meint man damit nicht ein Haus für eine bestimmte Epoche, auch nicht eines für die aktuelle Ethik, Politik oder Alltagskultur einer Gesellschaft, und auch nicht für die neuesten Technikentwicklungen. Das alles wäre zwar nahe liegend, gemeint ist aber immer ein Haus für die bildende Kunst. Erstaunlicherweise werden die gegenwärtigen Zeugnisse der bildenden Kunst also pars pro toto für die ganze Gesellschaft gesetzt. Praktiziert wird diese übertragende Bedeutung bereits seit einigen Jahrzehnten und ich finde sie tatsächlich äußerst merkwürdig. Hier will ich diesen Umstand aber gar nicht in Frage stellen, sondern ihn – passend zum Rahmen der Kolumne – gestalterisch ernst nehmen und fragen, welche kreativen Auswirkungen diese gewaltige Stellvertreterfunktion wohl hat. Zunächst hat sie offensichtlich eine demonstrative sprachliche Redundanz bewirkt: Die angesprochenen Institutionen nennen sich weltweit nahezu alle gleich. Und die gemeinsame Sprache, auf die man sich dafür hat einigen können, ist nicht Englisch, sondern eine Art „Zungenrede“. Wie sonst soll man die immer üblicher werdenden Namensgebungen wie MOCA, MUCA, LACMA, MUMOK, MACBA, MOMA oder MAMBA interpretieren, wenn nicht als Glossolalie, als buchstäblich begeisterte Pfingstsprache, als eine erweckende Sprache, mit der sich nichts weniger als der Geist Gottes direkt offenbart? Man könnte das gut mit dem missionarischen Eifer in Verbindung bringen, den die moderne Kunst immer schon hatte. Die Namen der großen Häuser wären dann tatsächlich so etwas wie magische Sprachgebete einer neuen Religion. Wem solch eine Interpretation nicht gefällt, wird sich mit einer anderen Auslegung wahrscheinlich auch nicht leichter tun. Der zufolge macht die Abkürzungsschwemme aus seriösen Institutionsnamen lauter kleinkindliche Stammellaute, aus denen man leicht das MAMA oder MUM heraushören könne, das an unsere Beschützer- und Fütterungsinstinkte appelliert. Etwas abgerückt von rein versorgungstechnischen Aspekten könnte man noch vermuten, dass das Lallen ebenso an den Anspruch der Kunst an das permanente „Jetzt“ gemahnen und in konsequenter Weise ein andauerndes Babystadium suggerieren würde. Vielleicht sind die neuen Namen in ihrer Eigenheit aber auch gar nicht so wichtig und es geht viel mehr um das System an sich, um das System eines weltweiten Institutionen-Netzwerkes, in dem die einzelne Identität bewusst zurücktreten soll und der verbindende Franchise-Charakter in den Vordergrund rückt. Das wichtigste am MOCA-, MUCA- oder MOMA-Namen wäre demnach nicht, wie er klingt oder was er beschwört, sondern was er nicht mehr ausspricht, also zum Beispiel den Standort, die lokale Sprache, das inhaltliche Profil und die Trägerschaft des jeweiligen Hauses. So wie tatsächlich immer mehr Museen ihre Sammlungsräume zugunsten von Ausstellungsflächen für die international mobil gewordenen Künstler und Kunstwerke umwidmen, so gleichen sich auch die internationalen Institutionen-„HUBs“ in ihren Kürzeln aneinander an und werden – vergleichbar mit den Kürzeln der internationalen Flughäfen – Teil eines technischen Meta-Brands. Pragmatisch konsequent wären folglich Bezeichnungen wie MO-VIE, MO-MUC oder MO-DXB.

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