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(10.01.10)

Banalität

„Die Produktion von Bullshit wird dann angeregt, wenn ein Mensch in die Lage gerät oder gar verpflichtet ist, über ein Thema zu sprechen, das seinen Wissensstand hinsichtlich der für das Thema relevanten Tatsachen übersteigt. Diese Diskrepanz findet sich häufig im öffentlichen Leben, in dem Menschen sich – aus eigenem Antrieb oder auf Anforderung andrer – oft gedrängt sehen, sich eingehend über Gegenstände auszulassen, von denen sie wenig Ahnung haben.“ Harry G. Frankfurt hat das formuliert, in einem schmalen Bändchen zum Thema „Bullshit“, jenem unübersetzbaren Wort, das wir hier mit dem eher freundlichen Begriff Banalität umschreiben wollen. Anlass ist der Besuch der Sammlung Brandhorst in München.

Banalität. Es gibt eine Skulptur von Jeff Koons in der Kollektion, ein Porzellanbaby im Teddy-Kostüm auf einem Sockel im kalifornischen Spätbarock, ein Herzchen in Händchen haltend, darauf „I love You“, der Titel ist „Amore“. Das gute Stück stammt aus Koons’ 1988er bei Sonnabend in New York, Hetzler in Köln und Young in Chicago gezeigter „Banality Show“. Anders aber als bei Koons und seinem großen Vorgänger in Sachen Flachheit der Welt, bei Warhol, ist Banalität in der Sammlung Brandhorst leider nicht das Thema. Sondern das Ergebnis. Es ist nicht Sache der Kompetenz, sondern der Inkompetenz, die bekanntlich nichts anderes ist als die Performanz.


Jeff Koons, Amore, Sammlung Brandhorst

Dass sich die Sammlung ein umfängliches Spätwerk von Cy Twombly hat andrehen lassen, ist das eine. Dass die Präsentation der „Untitled (Roses)“ getauften Monumentalfolge aber von Gedichten begleitet wird, ist das andere. An die Wand gemalt sind also Lyrikzeilen, in denen das Wort „Rose“ vorkommt, von der Bachmann und dem Rilke, dem Eliot und der Dickinson. Warum nicht auch eins von Rose Ausländer? Im letzten Raum gibt es dann noch einen Erguss vom Meister selber, ein informeller Maler ist allemal gut für eine malerische Formulierung.

Im Keller hat man Warhol en gros. Den Vogel schießt eine Wand ab, in der sich der „Triple Elvis“ von 1963, für sich selber durchaus eine Trouvaille, das Feld teilt mit einem Tondo rechts (mit Marilyn) und einem Tondo links (mit Jackie), so dass sich ein Triptychon im Triptychon ergibt, das perfekte Altarschema in Hoch Zwei, wie sich Kevin Normalverbraucher das immer schon vorgestellt hat. Dass von Baselitz zu Polke zu Nauman zu Hirst ohnedies nur die Unvermeidlichkeiten des Kanons vertreten sind, gehört zur Logik des, mit Harry Frankfurt, „wenig Ahnung haben“.

Meine Lieblingsbanalität in Sachen Herzeigen einer Privatsammlung war bisher ein gewisses Eck bei Beyeler in Riehen. Da hängt ein Seerosenteich von Monet und daneben hängt ein Panoramafenster, das sich nach draussen öffnet auf - einen Seerosenteich. Nun aber gibt es die Sammlung Brandhorst.

Die für Bullshit erforderliche Kreativität, sagt Frankfurt, „ist weniger durchdacht und analytisch als die, die beim Lügen mobilisiert werden muss. Sie ist breiter und unabhängiger, bietet größeren Raum für Improvisation, Farbe und Phantasie. Hier geht es weniger um Geschicklichkeit als um Kunst. Daher wohl auch der Ausdruck bullshit artist.“ Ergänzen wir dieses Argument durch eine Beobachtung: der Bullshit Collection.

Rainer Metzger



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