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Marko Lulic: Weltall in Württemberg

In Rottweil im tiefsten Württemberg ist das Gemeinwesen derart übersät mit moderner Skulptur, dass Münster im tiefsten Westfalen neidisch werden könnte. Ein Meister vor Ort, Erich Hauser, hat hier all seinen Einfluss geltend gemacht, und so ziert eigenes und etliches von Kollegen wie Ulrich Rückriem den, nun ja, Stadtraum. Noch besser der Park, den Hauser für sein Werk angelegt hat, ein monumentaler Showroom im Grünen, mit etwa 50 Großformaten in blankpoliertem Edelstahl. Dieser Skulpturenpark liefert das Ambiente für einen ganz speziellen Parcours, den Marko Lulic ausbreitet. Der Wiener Künstler, der dort im Sommer als Stipendiat der Kunststiftung Erich Hauser gearbeitet hat, nimmt den Skulpturenpark als eine Art Bühnenbild, als Fond und Kulisse einer Choreografie für drei Tänzer. Eine Videoprojektion zeigt sie, wie sie in spacigen Kostümen und exaltierter Motorik mit den Skulpturen in Korrespondenz und Konkurrenz treten. Raquel Welch - Mexico 68 Am 26. April 1970 strahlte der amerikanische Sender NBC ein Programm aus, das „Raquel!“ betitelt war. Damit, vom Ausrufezeichen zusätzlich angestrahlt, war Raquel Welch gemeint, die Schauspielerin, die die Jahre zuvor mit Filmen wie „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ oder „Phantastische Reise“ im Genre von Fantasy und Science Fiction reüssiert hatte. Die TV-Sendung hat dieses Image untermauert, Raquel Welch ist um die Welt geflogen, sie ist in Paris und in London beim Singen und Tanzen aufgenommen worden, unterstützt beispielweise von Tom Jones und bisweilen auch von Legenden des Metiers wie Bob Hope und John Wayne. Und sie ist in Mexico City gewesen, genauer, auf jener Meile mit modernistischer Kunst, die für die Olympischen Spiele 1968 angelegt worden war. Hier hat sie exakt die Schritte und die Outfits vorgeführt, die Marko Lulic 40 Jahre danach für seine Arbeit übernimmt. Der Skulpturenpark ist von Mexico nach Rottweil verlagert, die TV-Sendung ist einem Video-Projekt gewichen, doch die Performance selber ist beste Appropriation.
Marko Lulic: Space-Girl Dance 2009 (Remake von Raquel Welchs "Space-Girl Dance" aus dem TV-Special "Raquel!", 1970) Damit hat Lulic sein bisheriges Oeuvre auf den Punkt gebracht. Seine Arbeit baut auf der Pop-Erfahrung auf, nach der Originalität niemals authentisch zu haben ist und sich sowieso der Aneignung von Bestehendem, der Adaption und Neuinterpretation verdankt. Der Künstler der Gegenwart ist nicht singulär, sondern exemplarisch, und er geht mit dem Bewusstsein zu Werke, dass ästhetische Entscheidungen vor allem eines beinhalten: Man kann planen, wem oder was man ähnelt; man kann nicht planen, niemandem und nichts zu ähneln. Entsprechend die Wichtigkeit, die dem Prozess des Transfers zukommt. Es ist eine Übersetzungsarbeit, die hier passiert, und sie vollzieht sich augenzwinkernd, mit jener Ironie, die ohnedies die Originalität der Spätgeborenen ausmacht. Raquel Welchs Kostüm war deutlich inspiriert von der Weltraumoperette „Barbarella“, dem Film Roger Vadims mit Jane Fonda in der Hauptrolle, dem Kinoprodukt, das sich wiederum an dem französischen Comic Jean-Claude Forests orientierte. All das fließt nun ein in Lulics Strategie: Der Comic wird zum Film, der zur Fernsehsendung wird, die zu Lulics Video wird. Die Bildnerei liegt im Taumel der Bezüge, und sie hinterlässt genauso Gefühle von Distanz und Fremdheit, einer Fremdheit, die aus Verfremdung und aus Entfremdung zugleich kommt. Der Tanz, der hier gezeigt wird, passt zu Hausers Kunst wie Barbarella nach Rottweil passt: Ein wenig schon, aber auch nicht ganz. Die Arbeit von Lulic indes, sie passt ganz.

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