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Mein Lieblingskunstkritiker

Diese Woche gab es wieder einmal einen Text meines Lieblingskunstkritikers. Lieblingskunstkritiker ist jetzt nicht zynisch oder sarkastisch gemeint, sondern ganz so, wie es dasteht. Mein Lieblingskunstkritiker ist von unglaublicher Belesenheit, er führt eine leichte Feder und ist bis ins Mark parteiiisch. Parteiisch den Dingen gegenüber, die er beschreibt und bewertet, und nicht parteiisch für sich selbst. Darin gerade ist er eine vollkommene Ausnahmeerscheinung. Es kann einem der Kragen platzen, mit welcher Chuzpe das deutschsprachige Rezensentenwesen sich in die eigene Tasche wirtschaftet, sich andient bei denen, die zu welcher Karriere auch immer verhelfen sollen, oder sich in Krämpfen windet, weil das tägliche Brot des Artikelerstellens längst die Verdauung träge gemacht hat. Mein Lieblingskunstkritiker kann es sich leisten, unparteiisch zu sein. Er muss niemandem irgendetwas beweisen, er hat in Paris gelebt und in den Vereinigten Staaten unterrichtet, er hat viel über Methoden nachgedacht und ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der französischen Kathedralskulptur. Nun setzt er in der „Süddeutschen Zeitung“ bisweilen einen Lichtblick, wenn er sich wie diese Woche an eine Ausstellung der Alten Pinakothekt heranmacht. Er reist den Präsentationen gerne hinterher, sogar bis nach Übersee, und immer sind seine Berichte Plädoyers über die Aktualität hinaus. Diese Woche hat er für das Prinzip Studioausstellung die Lanze gebrochen, die kleine, feine Zusammenstellung von wenigen Dingen, wie jetzt in München, wo sie gerade zwei Gemälde Andrea del Sartos einander benachbaren. Er ist in der Lage, über Fragen der Präsentation und des Kuratierens nachzudenken, weil für ihn Bilder keine Fremdkörper sind, über deren Funktionieren er sich erst klar werden müsste. Mein Lieblingskunstkritiker ist dieses Jahr 85 geworden. Als er sich einst an der Münchner Universität umsah, wo er sein Studium beginnen wollte, umflatterten ihn Zettel, und sie stammten von einer Gruppierung, die als Weiße Rose in die Geschichte eingegangen ist. Geschichte hat er durchaus selber geschrieben, als Gottseibeiuns der 68er Umtriebe und als einer der wenigen, die aus den Umständen gelernt haben und sich nach und nach dorthin bewegten, wo der Geist steht, nach links nämlich. Viele Jahre war er Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, in dessen Biblothek ich ihn einmal beinahe zwischen den Regalen zerquetscht hätte, wäre nicht ein Röcheln aufgestiegen von den rollbaren Ungetümen her. Willibald Sauerländer hat es überlebt, und es ist ein langes Leben, das ihm seine Texte diktiert. Nach Jahrzehnten des Räsonnierens und Publizierens im akademischen Metier macht er jetzt Kunstkritik. Und was für eine, voller Nonchalance und Souveränität. Viel zu selten. Und hoffentlich noch lange. Für den Kunstbetrieb ist er nicht weniger als eine Trouvaille.

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