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Blogbastler

Bekanntlich, das wusste schon Technokratus, Cäsars Beauftragter für den Hinkelsteinhandel in Gallien, interessieren sich die Leute für „a) Nützliches b) Bequemes c) Amüsantes d) was den Nachbarn neidisch macht und dieses d) ist die Marktlücke, in die wir eindringen müssen“. Entsprechend diesen Überlegungen hat jetzt auch das artmagazine.cc etwas, das die Nachbarn Blog nennen, und ich darf vor der Welt dafür verantwrotlich zeichnen. Blogs, so scheint es, sind der letzte Schrei bei Tageszeitungsredakteuren. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil a) die Journale ihre Leser ans Internet verlieren, b) die Zeitungen dadurch dünner, mit weniger Werbung versetzt und insgesamt mit geringerem Aufwand hergestellt werden, c) die festen Mitarbeiter deswegen Kapazitäten frei haben, die sie d) durch vermehrte Präsenz im elektronischen Medium füllen, um e) ihre Unersetzbarkeit dadurch zu demonstrieren, dass sie auf die Aufmerksamkeit verweisen, die sie sich im Netz erworben haben und auch im eigenen Blatt erwerben würden, wenn man sie nur ließe. Während also das harte Medium Zeitung sich mehr und mehr ins weiche Medium World Wide Web hinübergeraten lässt, gibt es Tendenzen einer Gegenbewegung. Längst hat etwa Rainald Goetz seine Räsonnements in Software bei Suhrkamp auf gediegenem Papier untergebracht, und natürlich hat der zweitletzte Schrei des Kulturbetriebs, die Gegenwartsdiagnose mit Tunnelblick auf die Dekadenz, die Blogs zum Symptom ausgerufen. Unter den Neuerscheinungen der Saison wird es ein Buch geben, das heißt: „Unsere Nullerjahre. Das Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger“. Darüberhinaus hat sich der drittletzte Schrei mit dem letzten zusammengetan und das Kino erobert. „Julie & Julia“ erzählt vom Kochen und vom Bloggen und idealerweise von der Simultanität der beiden Tätigkeiten. Die beiden Hauptdarstellerinnen haben ihre jüngeren Erfolge aus ihrerseits einschlägigen Rollen. Meryl Streep betätigte sich filmisch in der Modebranche, Amy Adams in der Märchenwelt. Wie es aussieht, liegen zumindest diese beiden Ressorts momentan eher außerhalb des Fokus. Doch der Blockbuster von heute sieht ohnedies anders aus. Wir nennen ihn Blogbastler. (Abbildung: Modedarstellung aus dem Journal des Luxus und der Moden) Noch etwas in eigener Sache: „Journal des Luxus und der Moden“ hieß ein Magazin, das von 1786 bis 1827 in Weimar erschien und ziemlich exakt die Goethejahre dort garnierte. Herausgegeben wurde es von Friedrich Justin Bertuch, dem erfolgreichsten, besser: dem einzig erfolgreichen Unternehmer des Herzogtums. Zeitweilig beschäftigte Bertuch mehr als ein Zehntel der Bevölkerung, auch Christiane, Goethes Zukünftige, arbeitete bei ihm; sie stellte Stoffblumen her. In den Siebzigern leistete sich „Transatlantik“, Enzensbergers Kulturmagazin, diesen Titel für Kurzkommentare und Plaudereien. Die Zeitschrift hat es nicht sehr lang gegeben. Gemessen zumindest an den Fristen, in denen man damals dachte.

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