Ehrgeizige Eltern
Rainer Metzger, 04.10.09
Die Gesprächsthemen, die der Kulturbetrieb in den letzten Tagen in die internationale Diskussion zu werfen hatte, ranken sich um ganz junge Mädchen und ältere Herren. Zum einen ist da Roman Polanski, der sich vor 32 Jahren auf eine Weise an einer Dreizehnjährigen verging, die die amerikanische Rechtssprechung noch wie vor für jusitziabel hält. Zum anderen ist da Richard Prince, der einst im Rahmen seiner Appropriation Art eine Fotografie zweitverwertete, die die zehnjährige Brooke Shields im – wie sagt man – Adamskostüm vorführte; diese Arbeit wurde nun aus der Ausstellung der Tate Modern entfernt.
(Links: Gary Gross: Brooke Shields: The woman in the child, 61 x 50.8 cm © Gary Gross
Rechts: Richard Prince: "Spiritual America 4", 2005, Foto: Richard Prince / Courtesy of Gladstone Gallery, New York)
Die Sex-and-Crime-Problematik ist das eine. Die puritanische Tradition, die die Angelsachsen immer noch in Aufruhr hält, ist das zweite. Der Eifer, mit dem zum einen die Briten vorauseilend und in purem Verwaltungsakt einschritten und zum anderen die Schweiz sich den USA gegenüber auf eine Weise, die man nur als Schleimscheißerei bezeichnen kann, beflissen zeigte, ist das dritte. Das vierte schließlich ist, dass die Mädchen in ihren Kinderjahren auf eine Medienwirtschaft losgelassen wurden, bei der von vornherein feststand, dass ihr Körper die schöne Unschuld, die er gewinnbringend einzusetzen hatte, verlieren würde. Entsprechend mussten beide als Erwachsene diese Vergangenheit exorzieren: Die eine, indem sie ihrem Prominenten, der es als sein Privileg erachtetet, über sie zu kommen, „vergeben“ musste; die andere, indem sie als knapp 40jährige die Pose des Fotos nachstellte, im Bikini diesmal, als wäre es damals schon um Bademoden gegangen. Das nämlich ist das Tertium Comparationis: Beide hatten ehrgeizige Mütter, die für ihre Töchter jenes Beste wünschten, von dem sie überzeugt waren, ihnen selbst wäre es versagt geblieben.
Ehrgeizige Mütter. Oder sagen wir besser: ehrgeizige Eltern, weil es diesmal nicht, obwohl sie selbstverständlich im Spiel ist, um die Genderfrage geht. Es geht um die Glücksverheißung, die man auf die Kinder bezieht; und um den Narzissmus einer Elternschaft, die nicht mehr biologisch einfach passiert, sondern Ergebnis skrupulösen Rechnens und peinlicher Lebensplanung ist. Hat man sich für ein Kind entschieden, muss das, was herauskommt, die Welt mindestens dazu bewegen, sich anders herum zu drehen. Es ist haarsträubend, wieviele Eltern die Klassenlehrer mit ihrer Überzeugung behelligen, ihr Kind wäre hochbegabt. Und stellt sich das als Fehleinschätzung heraus, dann hat es im Gegenzug ADS. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
Vor drei Jahren bin ich mit meiner Familie aus Wien weggezogen. Das einschneidende Erlebnis mit der Volksschulklasse im siebten Bezirk, die meine Tochter besuchte, war das Autoritätsproblem der Lehrer. Die Schule war, mit einem Wort, verwahrlost, was aber nicht an den Türken, den Ausländern und was der Herr Strache sonst noch ein Anschlag bringt, lag, sondern an der vermeintlichen Führungsschicht des Volkes. Gebildet, akademisch und als Eltern steinalt war diese Schicht, die Entscheidung fürs Kind fiel im fortgeschrittenen Lebensabschnitt, und so musste jeder davon ausgehen, im rotzlöffeligen Siebenjährigen wenigstens einen Messias vor sich zu sehen. Bestanden Zweifel, rückten die Eltern an, stauchten rhetorisch bewandert, wie sie waren, die Lehrer zusammen, schwadronierten von der Traumatisierung, die den Prinzen überkäme, wenn ihm in Mathe kein Smiley zuerkannt würde, und das Haus hatte unverzüglich zu kuschen. Vor drei Jahren sind wir weggezogen. Das ließ es so aussehen, als wäre die Entscheidung, unsere Tochter von dieser Schule zu nehmen, den äußeren Umständen geschuldet. Wir hätten es aber ohnedies getan.

