Heiliger Ernst
Rainer Metzger, 24.11.08
Hab ich einen Wirtschaftsmenschen kennengelernt. Sehr interessanter Mensch, arbeitet in der Autozuliefererbranche. Dort hat man, wird mir erzählt, gerade Umsatzrückgänge von 70 Prozent. Das ist jede Menge Heu. Der Wirtschaftsmensch bleibt ganz ruhig, ist eben so im Moment. Obama, sagt er, findet er gut, auch weil er glaubwürdig so etwas wie Demut verkörpere. Der Wirtschaftsmensch verwendet wirklich das Wort „Demut“. Gegen die Krise, fügt er noch hinzu, wäre es am besten, man würde jetzt sein Geld ausgeben, nicht anlegen, nicht sichern, einfach ausgeben.
Kommt ein Kunstmensch hinzu. Hat gerade eine Ausstellung kuratorisch betreut, mit der er für Furore sorgen will. Ob ich sie schon gesehen hätte, werde ich in leicht bedrohlichem Tonfall gefragt. Ja, sage ich. Und? Naja, sage ich, die Ausstellung ist ganz gut, nur der Künstler, dem sie sich widmet, der wird auch dadurch nicht besser. Aber van Gogh in der Albertina, den würde ich gut finden? Ja, sage ich, denn dort haben sie nicht nur einen Künstler, zu dem ohnehin alle rennen, sondern auch eine These. So in etwa der Dialog in Kurzfassung. Müßig anzumerken, dass das Zwiegespräch an Bedrohlichkeit des Tonfalls mit jedem Satz zunahm.
Ob wir immer so miteinander umgingen, fragt da der Wirtschaftsmensch. Und jetzt, da einer fragt, dem derlei augenscheinlich ziemlich fremd, um nicht zu sagen barbarisch vorkommt, müssen wir antworten, ja, eigentlich gehen wir immer so miteinander um. Wir keifen uns an und ziehen uns gegenseitig auf die Blutwiese. Und zwar einfach deswegen, weil es um nichts geht. Bestenfalls eine Meinung. Aber die dafür mit Vehemenz.
Robert Pfaller hat dieses Phänomen, Johan Huizingas Spieltheorie aufgreifend, als „Heiligen Ernst“ bezeichnet. Der Heilige Ernst, der dem profanen gegenübersteht. Der Wirtschaftsmensch ist geprägt, gegrämt, verbrämt vom profanen Ernst, von der Tatsächlichkeit der Krise und dem Status Quo des Verlusts. Wir aber ergehen uns in Wichtigerem. In der Heiligkeit solcher Dinge, die man nicht sieht und die bedeutungslos sind, aber, wenn man sie schon zu sehen und ihnen Bedeutung zuzuerkennen meint, von nichts anderem als metaphysischer Dimension sein müssen.
Ein wenig war es uns dann doch peinlich dem Wirtschaftsmenschen gegenüber. Aber nicht lange. Schließlich sind wird Ästhetiker. Und als solche brauchen wir keine Manieren.

