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Zitadellenkultur

Da bist du also jetzt in Österreich unterwegs, und auf dem Gehsteig oder im Zug, an der Ampel oder auf dem Gipfel steigt die Ahnung in dir auf, dass jeder dritte, den du triffst, Blau oder Orange gewählt hat. Das sind jene Couleurs, die, so weiß es schon die Theorie der Komplementärfarben, zusammen Braun ergeben.

Jeder dritte im drittreichsten Land Europas. Da passt es gut zusammen, und ist beileibe kein Dementi zum grassierenden Rechtsruck, dass sie zur gleichen Zeit in Bayern der CSU eine Abfuhr erteilt haben: Das blühendste Bundesland, in dem gebietsweise Vollbeschäftigung herrscht, das die besten Schüler hervorbringt und die höchsten Besucherzahlen, ist jetzt auch erpicht auf Denkzettel Erteilen. Die Iren, die Profiteure schlechthin von der Einheit Europas, haben zuletzt ja ihrerseits die EU abgewählt.

Zwanzig Jahre ist es her, als Otto Karl Werckmeister eine Schrift namens „Zitadellenkultur“ herausbrachte, die sich, so der Untertitel, mit der „schönen Kunst des Untergangs“ beschäftigte. „Ich verwende das Wort Zitadelle“, so Werckmeister, „als Metapher für eine Gesellschaft, deren künstlerische und intellektuelle Erfolgskultur in vollem Wohlstand von nichts als Krisen handelt.“ Der amerikanische Autor deutscher Herkunft wollte seinerzeit nur die „Kultur der achtziger Jahre“ abhandeln, besprach etwa Ecos „Namen der Rose“, Stirlings Stuttgarter Staatsgalerie, die Gruppe Kraftwerk oder den Comic-Autor Enki Bilal.

Was seinerzeit ein ästhetisches Phänomen war, hat sich heute zum politischen Problem ausgeweitet: der Tunnelblick aufs Katastrophische. Er hat gerade die kleineren Gemeinwesen erfasst, wo sich die Sandkastenperspektive immer noch als Beobachtung der Welt ausgeben kann und das Biotop als Sozialität durchgeht. In Österreich haben sie auch noch die Sechzehnjährigen wählen lassen, mit dem vorhersehbaren Ergebnis einer deutlichen Mehrheit für Rechts. Nicht weil Strache so sexy wäre oder Westenthaler so verwegen, ist für sie votiert worden, sondern weil ihre intellektuelle Zukurzgekommenheit perfekt zur Bauchnabelwelt der Pubertierenden passt. Ob es Hormone sind oder Ressentiments, die den Blick verstellen, wird im Wahlergebnis nicht differenziert.

Das Problematischste ist, dass die Krisen ja reinste Realität sind. Der Untergang des amerikanischen Imperiums wird in der Tat die Welt und womöglich jeden einzelnen treffen. Der Alarmismus indes, den die Rechten und ihre Wähler verkörpern, blickt daran gerade vorbei. Dieser Alarmismus ist ein Eskapismus. Man igelt sich ein in der Zitadelle. Der Kommandant darf dafür ein ganz scharfer sein.

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