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ChatGPT und das Museum of Modern Art

Vor 25 Jahren schlossen der Philosoph David Chalmers und der Neurologe Christof Koch eine Wette ab, wonach bis zum Jahr 2023 keine wissenschaftlich profunde Lokalisierung des menschlichen Bewusstseins möglich sein würde. Bisher ist es tatsächlich nicht gelungen, eine identifizierbare Struktur oder erkennbare neuronale Muster im Gehirn zu finden, die das Bewusstsein lokalisieren könnten. Chalmers übernahm kürzlich die gewonnene Flasche Wein.

Im selben Jahr 1998 brachte Chalmers eine andere These vor, die sich mit der allgemeinen Funktionsweise des menschlichen Gehirns befasst. Diese These war in gewisser Hinsicht gewagter als die Wette um das Bewusstsein. Zusammen mit dem Philosophen Andy Clark aus Edinburgh veröffentlichte Chalmers ein Papier, das nicht nur wegen seiner kühnen These bemerkenswert ist, sondern auch heute wieder gelesen werden sollte, weil es dazu beiträgt, ein Verständnis für die Herausbildung der Künstlichen Intelligenz zu entwickeln und insbesondere den Umgang mit und den Erfolg von ChatGPT zu klären.

Die damalige These von Clark und Chalmers – bekannt als die »Extended Mind Theory« (EMT) – besagt in Kürze, dass das menschliche Denken in seinen Funktionen nicht auf das Gehirn beschränkt ist. Auch der Körper und externe Dinge können die Funktionen des Gehirns übernehmen. Zum Beispiel können Notizbücher, Stifte, Computer oder Smartphones diese Aufgabe erfüllen. Clark und Chalmers argumentieren, dass diese als externe Ergänzungen arbeiten, die mit der Hirntätigkeit verkoppelt werden. Die traditionelle Trennung von Geist und Umwelt sowie die Vorstellung einer autonomen Denkfähigkeit des Menschen, die seit Descartes prägend ist, werden durch diese Erweiterungen infrage gestellt. Mit anderen Worten: Menschen sind von Natur aus Cyborgs, zumindest seit wir Schreibwerkzeuge und Mnemotechniken nutzen. Das heißt, dass Teile des „cogito”, welches Descartes so deutlich von den ausgedehnten Dingen trennte, nach dieser Auffassung auch zu den „res extensae” gehören.

Aus heutiger Perspektive scheint diese These bemerkenswert, lässt sich doch ChatGPT als ein Nachfolger von Stift und Notizblock und als Beispiel für ein System sehen, das als externe Ressource der Unterstützung menschlicher Gedankenarbeit dient. Möglicherweise hätte Clark eine zweite Wette abschließen sollen, die die Entwicklung von Chatbots innerhalb von 25 Jahren prognostiziert. Mit dieser Vorhersage hätte er wohl mehr als nur eine Flasche Wein gewonnen.

Clark und Chalmers illustrierten ihre These anhand eines Beispiels. Und hier wird es kulturhistorisch interessant. Sie erzählen die (fiktive) Geschichte von Inga und Otto, die beide das Museum of Modern Art in New York besuchen möchten. Inga erinnert sich an die Adresse, die 53rd Street, und macht sich auf den Weg. Otto hingegen leidet an Alzheimer und hat Schwierigkeiten, sich zu orientieren. Allerdings hat Otto seit seiner Diagnose ein ausgeklügeltes System entwickelt, das ihm hilft, wichtige Dinge zu behalten und sein Leben zu strukturieren. Alles, was er sich merken muss, schreibt Otto in ein Notizbuch. Wie Inga möchte auch Otto das Museum besuchen, also findet er die Adresse in seinen Aufzeichnungen und macht sich auf den Weg in die 53. Straße. Clark und Chalmers argumentieren nun, dass diese Fälle in den entscheidenden Punkten identisch sind. Ottos Notizbuch spielt für ihn die gleiche Rolle wie das biologische Gedächtnis für Inga. Das Notizbuch ist Teil von Ottos Gedächtnis.

Es bleibt unklar, warum Clark und Chalmers das Museum of Modern Art als Beispiel wählen, obwohl die beiden wahrscheinlich jede beliebige Adresse hätten angeben können. Dennoch könnten hier unbewusste Verbindungslinien laufen. Das Museum of Modern Art ist ein besonderes Museum, da es sich auf das zeitgenössische Schaffen konzentriert. Alfred H. Barr, der Gründungsdirektor des Museums, veranschaulichte dies in einem Diagramm, das eine Übersicht über die wichtigsten Kunstströmungen der Moderne bis in die Mitte der 1930er Jahre bietet (wobei der Fokus ausschließlich auf westlichen Kunstrichtungen liegt). Die meisten dieser Strömungen werden als „Ismen” bezeichnet – wie Futurismus oder Konstruktivismus. Viele dieser Kunstbewegungen sind durch einen radikalen Bruch mit der Geschichte gekennzeichnet. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine Ideologie absichtlicher Vergessenheit vertreten. Sie widmen sich nur dem Jetzt und der Zukunft. Was an Barrs Darstellung hervorsticht, ist, dass er dies in seinem Diagramm berücksichtigt. Es beschreibt zwar die Wechselwirkungen zwischen den Ismen, verzichtet aber auf eine längere Genese der Kunst. Mit anderen Worten, Barr behauptet die Einzigartigkeit der modernen Kunst. Die Moderne ist gewissermaßen der Nullpunkt der Kunst. Sie braucht sich an nichts zu erinnern, außer an sich selbst.

Das Museum der modernen Kunst kann demzufolge als Ort betrachtet werden, an dem sich die Kunst selbst genügt und nicht an vergangene Ereignisse erinnert. Vielmehr geht es um die Gegenwart. Viele der Ismen hatten ja das Ziel, ihre Kunst für das Leben nützlich zu machen und sogar Kunst und Leben miteinander zu verschmelzen. Einige sahen in ihren Werken sogar eine Art Lebenshilfe ähnlich dem Notizbuch für Otto. Doch geht es darin nicht um Erinnerung, sondern um Prophezeiung. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass sich das MoMA mit diesem Credo zum dominanten Museum des 20. Jahrhunderts entwickeln konnte und erst das Ende des 20. Jahrhunderts diesen Zusammenhang entdeckt, als das Gedächtnis in den Kognitionswissenschaften zum Thema wird. Und es bleibt die Frage, ob nicht nur die Ismen der Moderne geschichtsvergessen sind, oder auch ChatGPT von einer Ideologie getragen ist, obwohl – oder gerade – weil der Chatbot stets Zurückhaltung und Höflichkeit herausstellt.

 

 

ABB: Alfred H. Barr, Jr: Cubism and Abstract Art, Cover, New York: The Museum of Modern Art, 1936

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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