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„It is not about distributing cherries or pieces of cake“

Dark Revolutions ist eine performative Zeitreise und Umdeutung dreier ikonischer Momente der Theater- und Filmgeschichte in voneinander unabhängigen Episoden. In „Jeanne Dark“ (Elisabeth Bakambamba Tambwe), „R Arrrrmy“ (Naomi Rincón Gallardo und Sabina Marte) und „V Empire Underground“ (Performancekollektiv der Akademie der bildenden Künste) geht es um die Rückeroberung des Körpers (von Jeanne d’Arc), dem Kurzschluss der russischen und mexikanischen Revolution mit den präkolumbischen Gottheiten Coatlicue und Coyolxauhqui und einer queeren Leseart des Vampirkosmos. Filmessays (Masha Godovannaya, Belinda Kazeem-Kamiński) erweitern die Räume und den Bedeutungshorizont. Einspielungen von Carl Dreyers „La Passion de Jeanne d’Arc" (1928), Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925), „Oktober“ (1928), „Que Viva México!“ (1930) und Friedrich Murnaus „Nosferatu“ (1922) erzählen von geisterhaften Gemeinschaften, Schatten und Zwischenwesen, die sich auf die Räumlichkeiten des studio brut ausdehnen. Sie bilden den Rahmen als auch den Übergang zu Revolutionen und Träumen in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart.

 

Elisabeth Bakambamba Tambwe windet ihren Körper, formt und deformiert ihn. Textilien in Schichten erweitern und erschaffen ein skulpturales Moment und ist Textur der ersten Episode. Wölbungen und ein Sich-verwandeln, Kleider und Glocken, Glieder nehmen den Raum für sich in Anspruch, werden zum Bild. Was heißt Verkleidung, was Materialität, was Objekt? Die Performerin ist vielmehr Figur und verkörpert den Prozess, die Dauer und erinnert daran: Auch innerlich ist äußerlich. Ruckartige Bewegungen gehen in fließende über, werden organisch. Der Körper umhüllt sich mit einem Außen, hüllt sich damit ein, verhüllt sich. Dieses An-, Aus- und Umziehen gleicht einer Osmose von Vergangenheit und Gegenwart, ist (un-)beweglich. Bildprojektionen überlagern sich und das Mikrofon, in das nicht gesprochen wird, lässt bloß ein Atmen hörbar werden.

 

Dafür und für die beiden folgenden Episoden verantwortlich zeichnet Performancekünstler und Aktivist Gin Müller, der in seiner Arbeit insbesondere post-strukturalistische, post-dramatische und feministische Diskurse verhandelt und sich in Dark Revolutions (zusammen mit einem internationalen Team im Rahmen des zweijährigen que_ring drama projects) aktuelle (politische) Aktionsformen, Möglichkeiten radikalen demokratischen Handelns und performativ subversiver Agitation in einer übermedialisierten Gegenwart zur Diskussion stellen. Dabei geht es auch um Selbstermächtigung „queerer und dekolonialer Künstler*innen und Aktivist*innen“. Das que_ring drama project fragt: Was verwandelt literarische Erzählungen in machtvolle Gebilde, aus denen bald auch Argumente für die Herstellung sozialer Unterdrückung geschöpft werden? Durch welche Figuren, Narrative und Ästhetiken wird und wurde dies historisch festgeschrieben und wie sind wir auch heutzutage davon geprägt? Und nicht zuletzt, was erzählt der Kanon und was kommt nicht zur Sprache?

 

„Time is for us and desire is a must / Preparation to run / Run!“. In der zweiten Episode ist die verbale Sprache ein wesentliches Element. Das gesprochene oder geschriebene Wort sind Mittel, derer sich Naomi Rincón Gallardo und Sabina Marte bedient. „Our time is the time of a return“ ist das Eingeweide ihrer Geschichte, die vom Auseinandernehmen und Zusammenfügen von Körpern (individueller wie gesellschaftlicher), von Bewegung und Interaktion, vom Aussprechen und von Aussprache, Einzelteilen und dem Ganzen handelt. Die gezeigten Filmausschnitte werden in Form rascher Bilderfolge abgespielt und verstärken die Dramaturgie, deren Symbolik sich vorrangig um Herrschaft und Unterdrückung zu drehen scheint. „Von der Geschichte her kommend, rückwärts gehend, können wir ein Gespräch mit den Toten zu führen versuchen.“ Zitate sind vielmehr klare Ansagen („Kommunismus und Revolution / Synthese und Geometrie“) und dabei wird stets die Frage nach der Identität gestellt – dem Subjekt und dessen Beziehungen. Die Beleuchtung ist richtungsweisend, schafft Übergänge. Der Aspekt der Redundanz bestimmt den Plot, indem robotisch Handlungen ausgeführt werden. Im Kreis laufend, ändern die beiden Performerinnen die Richtung und strecken sich ihre nach Hilfe suchenden Hände entgegen, richten ihre nach Hilfe suchenden Blicke aufeinander und auf uns. Bebende Brüste und wackelnde Ärsche zeugen von einer Verzweiflung, die dem Hineingeworfen-sein in eine abstruse Welt geschuldet ist. Es heißt „We will never move forward“, während sie am Ende ins Bild ein- bzw. im Bild aufgehen.

 

In „V Empire Underground“, der dritten und letzten Episode, beherrscht wieder ein Textil und Text die Szenerie. „The wind gently touches our faces and hands / transparent / the afterlives“. Wo wir stehen? „Hinter uns die Schatten / disremembrance / voices merges into a cacophony.“ Angst umwölkt die Landschaft. Stimmen sprechen von „wisdom of ghosts“ und „participation“ und davon: „A word turned into a placeholder for change / In the presence of people-less landscapes / decolonization is not about friendly understandings. / Decolonization is not a metaphor for everything we/you/us want to improve and fix / This one will cost more effort. / Decolonization, a program of complete / disorientation. / Disorder. / What will be the outcome? / We might not witness“ und eine Stimme fragt, ob dir dein Blick gehört, wenn du eine Landschaft betrachtest bis Meeresrauschen das (ein) Ende anzeigt: „You have forced us to wait disturbing dreams“

--> brut Wien

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