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Heiner Franzen - Großes Gesichtsfeld: Filmreif: Bewegung als Tod?

Der Berliner Künstler Heiner Franzen reflektiert in seiner komplexen Ausstellung „Großes Blickfeld“ Grammatiken bewegter Bilder. Dabei gerät immer wieder die Dialektik von Bewegung und Tod in den Fokus.


Die sehenswerte Ausstellung „Großes Gesichtsfeld“ von Heiner Franzen im Berliner Haus am Lützowplatz beleuchtet die Wahrnehmung von bewegten Bildern, deren materielle/immaterielle Qualitäten und nicht zuletzt die Erinnerung an diesen Bilderstrom aus verschiedenen Blickwinkeln. Dazu hat Franzen die Ausstellungshalle in ein Gesamtkunstwerk transformiert, das Display, Rauminstallation und cineastische Metapher zugleich ist. Zunächst fallen da die Halfpipes auf, die der Berliner Künstler hier aufgebaut hat. Sie symbolisieren nicht nur eine für das Skaten, sondern auch für das Filmische typische, loopartige Bewegung, sie erfordern diese sogar ganz konkret wenn man den Raum durchquert. Ausgelegt ist dieser Ausstellungsraum inklusive der Halfpipes außerdem mit einem rosafarbenen Teppich, der ein sanftes, gleichsam dematerialisiertes Gehen, wenn man so will: Gleiten, erlaubt. Dazu streift man sich im Eingangsbereich dann auch rosafarbene Überzieher an die eigenen Schuhe, die ein solches Gefühl des Gleitens zudem suggerieren.


In diesem überraschenden Setting hat Franzen seine „Bewegte-Bilder-Installationen“ – da es sich auch um Animationen handelt, kann man kaum von „Video-Installationen“ sprechen – platziert, aber auch ein Feld mit Strichzeichnungen ausgelegt. Typisch z. B. die Installation „Salò Haus“, 2016,: Auf zwei halbkreisförmigen Wandflächen ist je ein „Video“ projiziert, rechts ein Clip, der die vergrößerten Lippen des Schauspielers Patrick Magee zeigt, und zwar in dem Moment, in dem er Marquise de Sades berüchtigte Lobpreisung für das Töten spricht. Eben diese findet sich in Peter Brooks Film „Marat/Sade“, 1967, der sich wiederum auf Peter Weiss' Theaterdrama „Die Verfolgung und Ermordung von Jean Paul Marat, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“, 1964, bezieht – ein intertextuelles Geflecht, an das wir uns erinnern sollten. Signifikant ist der Text de Sades in diesem Kontext aber auch, weil er die besagte loopartige Bewegung thematisiert: „Every man that dies ads to nature compost heap …. Death is simply part of the process“. Auf der linken Seite der Installation ist eine Spiegelung der Lippenbewegungen als Knetanimation zu sehen, Fragen aufwerfend u. a. nach den Möglichkeiten der Repräsentation körperlicher Bewegung und ihre Relation zu toter Materie.


Die erwähnten Zeichnungen im „Kartenraum“ kommentieren einen ähnlichen Dualismus in anderer Weise, beziehen sich nämlich als abstrakter „Live-Cartoon“ auf den letzten Spaziergang Heinrich von Kleists und Henriette Vogels in Berlin am Kleinen Wannsee bis hin zu ihrem selbstgewählten Tod. Auch hier also wird in der komplexen Ausstellung der Blick gerichtet auf die (filmreife) Dialektik von Bewegung und Tod – und auf mögliche Darstellungsmodi dieser. Unbedingt hingleiten!

Heiner Franzen - Großes Gesichtsfeld
25.04 - 05.08.2018

Haus am Lützowplatz Förderkreis Kulturzentrum Berlin e.V.
10785 Berlin , Lützowplatz 9
Tel: +49 0 30 261 38 05, Fax: +49 0 30 264 47 13
Email: office@hausamluetzowplatz-berlin.de
http://www.hausamluetzowplatz-berlin.de/
Öffnungszeiten: Di - So: 11 - 18 Uhr


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