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Ausstellen des Ausstellens - Von der Wunderkammer zur kuratorischen Situation: Wir kuratieren uns zu Tode

Eine Ausstellung über das Ausstellen, ein hoch interessantes Thema, möchte man meinen. Ist es auch, wäre da nicht andauend dieser Satz, der einem durchs Hirn spukt: Tiefer hängen!


„Wie zeigt man ein vergangenes Jetzt?“, formuliert Kurator und Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden Johan Holten ein zentrales Problem der „Großen Sonderausstellung des Landes Baden-Württemberg“, ein Format, das es sonst wohl auch nirgends gibt. „Von der Wunderkammer zur kuratorischen Situation“ verspricht der Untertitel von „Ausstellen des Ausstellens“ und in der Tat hat man ganz wunderbare Belege des Präsentierens von Kunst und anderen Artefakten aus fünf Jahrhunderten gefunden. Stiche von Ausstellungssituationen, Hängeskizzen, Rahmen, Vitrinen, allerlei Displaysysteme, die sich über die Zeiten freilich gewandelt haben. Unter ihnen Beispielsweise eine Vitrine aus der Zeit des Historismus, die eigens geschaffen wurde, Cellinis Saliera im Wiener Kunsthistorischen Museum allansichtig wie artgerecht zu präsentieren.


Und freilich gibt es da auch eine Reihe von zeitgenössischen Positionen, die sich mit dem Thema befassen. Unter „Institutional Critique“ läuft das wohl seit den 1990er Jahren und immer wieder sieht man Andreas Frasers diesbezügliche Videos gerne. Jeppe Hein lässt den ruhenden Ausstellungsbesucher auf seiner „Moving Bench“ durch den Rauf fahren, sobald dieser sich niedergelassen hat, Nevin Aladaǧ findet in der Auslegeware eines Läufers skulpturale Qualitäten, in dem sie ihn nicht lediglich über den Fußboden, sondern über die Wände bis unter das Dachgesims laufen lässt. Skulpturale Qualitäten entwickeln ebenso Kanin Sanders Vitrinen, die sich beim näheren Hinsehen als gläserne Schließfächer für die Garderobe der Besucher herausstellen.


Der Versuch, einmal mehr den öffentlichen Raum sowie Läden der Innenstadt mit ein zu beziehen, darf bis auf wenige Fälle als gescheitert betrachtet werden. Die Stadt ist eine Baustelle und den Geschäftsinhabern war es dann doch wohl lieber, ihre eigene Ware feilzubieten, sodass kurz nach der Eröffnung nur mehr wenig zu finden war. Unter den Wenigen sticht die Buchhandlung Straß heraus, die sie ganz und gar auf Claudia de la Torres Konzept eingelassen hat. Gleich dem Bibliomanen Kein in Elias Canettis Blendung ließ die mexikanische Künstlerin alle Bände der Buchhandlung mit dem Rücken zur Wand drehen, sodass nur die Schnittflächen, nicht jedoch die Titel sichtbar sind. Bücher die nachgefragt oder angesehen werden, beziehungsweise neu hinzukommen, werden wieder mit dem Buchrücken nach außen einsortiert. In der Buchhandlung selbst hat man dem Konzept noch etwas hinzugefügt und so wird die Veränderung in den Regalen bis zum Ende der Laufzeit täglich fotografisch dokumentiert.


Als besonderer kuratorischer Kniff wurden neun Künstler beauftragt, Exponate und alle fotografische Dokumente als Zeichnung in ein einheitliches Medium umzusetzen. Sie sind Teil der Ausstellung in den Räumen der Kunsthalle und sie übernehmen im Katalog auch die Rolle der Abbildungen. Das mag einen ästhetischen Reiz besitzen, doch eine Sinnhaftigkeit dieses Unterfangen erschließt sich auch nach reiflicher Überlegung beim besten Willen nicht. Da mag der Satz des Kurators zu einer Sammlungspräsentation aus dem Jahr 1917 des Kaiser-Friedrich-Museums in der Publikation wie ein höhnisches Aperçu wirken: „Es ist eine berühmte Fotografie. Ich habe sie mir immer wieder angeschaut.“

Ausstellen des Ausstellens - Von der Wunderkammer zur kuratorischen Situation
02.03 - 17.06.2018

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
76530 Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8 A
Tel: +49 7221 30076400, Fax: +49 7221 38590
Email: info@kunsthalle-baden-baden.de
http://www.kunsthalle-baden-baden.de
Öffnungszeiten: Di - So 10 - 18 h, Mo geschlossen


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