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„Ich war geehret als ein Gott“

Karl Marx und Trier


4,4 m ist die Statue hoch. Der Mann mit Rauschebart und fliehender Stirn steht steif und ohne sichtbaren Gesten. Ein rote Pelerine ist über den stattlichen Bronzekorpus gelegt. Unter dem Umhang wirkt die Figur wie eine männliche Schutzmantelmadonna. Daneben Podeste und Mikrofone. Bald wird ihr der blutrote Mantel abgezogen werden. Es ist ein prächtiger Samstagvormittag in Trier. Eine Enthüllung ist im Gange. Alle sind da. Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin, Kurt Beck, der ehemalige Ministerpräsident, sogar die Parteichefin der SPD, Andrea Nahles, ist aus Berlin angereist. Alle in Limousinen, versteht sich. Trier feiert seinen berühmtesten Sohn. Am 5. Mai 1818 wurde Karl Marx in der Stadt geboren. Doch die überlebensgroße Skulptur ist nicht unstrittig. Lange Debatten gehen der Aufstellung daran. Sogar ein Holzmodell dient ein Jahr lang der öffentlichen Begutachtung. Der Streit hätte mit der Aufstellung am Geburtstag beigelegt werden sollen. Doch nun, am Donnerstag den 10. Mai, nur fünf Tage nach der Errichtung, versuchen einige Gegner ein Banner auf ihr zu entzünden. Marx überlebt die Zündelei nahezu unbeschadet.


Tatsächlich ist die Statue ein Importstück aus China. Dieser Marx, das ist klar, ist ein Ready-made der künstlerischen Indolenz. Die chinesische Regierung schenkte sie der deutschen Stadt vor drei Jahren. Autor gibt es keinen. Kann es auch nicht. Was als Überschuss produziert wird, kann gut und gerne namenlos verschickt werden. Wie zu erwarten ist die Statue ein zu groß geratener Nippes, ein Blowup industrieller Produktion. Auch wenn ihr die Wand der römischen Porta Nigra Rückendeckung verleiht, Marx wird in seiner Geburtsstadt kaum heimisch, er wirkt entlaufen wie aus einem ästhetisch-politischen Dinosaurierpark. Schuld daran eine zahnlose realsozialistische Ästhetik.


Wäre dies nicht eine Gelegenheit gewesen, eine Marx-Erinnerung anderer Art anzupeilen? Man denke daran, dass sein Werk in den avancierten Künsten der letzten Jahre zum Thema wurde. Der britische Filmemacher Isaac Julien zum Beispiel ließ auf der Biennale „Das Kapital“ als Oratorium rezitieren, in einem rot verkleideten Saal. Schon vor fünf Jahren in Venedig war klar, dass das Werk von der Politik zu einem ästhetischen Phänomen geworden war. Entsprechend führte der Katalog Marx als Künstler. Trier hätte dieses Interesse, ja die Transformation in die Kunst nützen müssen. Denn sie bezeugt gegenwärtige Relevanz und mögliche Zukunft, nicht nur lauwarme Vergangenheitsbewältigung. Hier aber fällt das Brimborium rund um die Statue zurück in eine politische Repräsentation und in eine halbherzige Geste, die den Glauben an sich verloren hat.


Aber vielleicht ist die bizarre Statue, die so langweilig ist, wie alle Marx-Statuen, doch am richtigen Ort. Denn unweit des Aufstellungsortes, im Rheinischen Landesmuseum, gibt es ein historisch bemerkenswertes Schaustück. Es ist eine gesteinigte Statue. Im Mittelalter ließ sie der hiesige Bischof in der Vierung seines Domes aufhängen. Die Götze – eine Aphrodite aus der Antike - wurde von mittelalterlichen Pilgern gequält, als Sinnbild des verirrten Glaubens. Sie bewarfen die Statue mit Steinen. Nur mehr der Rumpf ist von dem geschändeten Kunstwerk erhalten. Zur Belehrung brachten die christlichen Besserwisser eine Inschrift an. Die Göttin spricht: „Wollt ihr wissen, wer ich bin? / Ich bin gewest eine Abgöttin (...) Ich war geehret als ein Gott / Jetzt stan ich hie der Welt zuo spott“. Allein, Marx steht in Trier nicht am Pranger, sondern als eine Art Wiedergutmachung und Versöhnungsgeste nach Landesteilung und Kaltem Krieg, zumindest was den lokalen politischen Willen betrifft. Daneben natürlich als kapitalistische Initiative. Denn die Statue zieht Besucher, Geld und Aufmerksamkeit an. Dass sie auch Brandstifter animiert, die sich benehmen wie ikonoklastische Fanatiker, die einem schutzbedürftigen Kulturgut der eigenen Vergangenheit nachtreten, ist ein Treppenwitz der Trierer Geschichte.

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