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Künstlerische „Gamer“

Dem diesjährigen Programm der „Public Art Munich“, kurz PAM, kann wirklich nicht der Vorwurf gemacht werden, hier werde wieder einmal die meist bei Kunst im Öffentlichen Raum übliche „Stadtmöbelierung“ mit Hilfe großer Skulpturen inszeniert. Die Kuratorin Joanna Warsza nämlich hat sich dafür entschieden, jeweils an den Wochenenden bis Ende Juli öffentliche Kunst in Form von Performances an signifikanten Orten in München zu zeigen. Signifikant sind diese Orte, und dieses ist der zweite positive Aspekt von PAM 2018, weil sie für ausgewählte politische Momente der Stadt stehen. Unter dem Motto „Game Changers“ werden da dann historische Ereignisse von den Performances in den Fokus gerückt, deren „Konsequenzen noch immer beeinflussen, wer wir sind und wie wir leben“, diese sind also „sichtbare Game Changers sich immer neu erfindender Gesellschaften“ (Warsza).


Gleich zur Eröffnung rund um dem 1. Mai wurde diese kuratorische Strategie deutlich, begann das Programm doch mit einer temporären Installation in der Ost-West-Friedenskirche nahe dem Olympiastadium. Gegründet wurde diese Kirche als „illegaler“ Schwarzbau Mitte der 1950er Jahre während des Kalten Krieges von dem russischen Eremiten Timofei und seiner Frau Natascha. Heute ist sie ein leider wenig bekanntes Symbol für eine Glaubenshaltung, in der alle Formen des Christentums ihren Platz finden. Dort hat Aleksandra Wasilkiwska das Dach der Kapelle verdoppelt, so dass es jetzt für einige Stunden im Inneren noch einmal hängt, und durch diese Intervention die Ost-West-Friedenskirche zumindest einen Moment lang vor dem Vergessen bewahrt. Gleich am Anschluss an diesen eher besinnlichen Auftakt reenactete Massimo Furlan im Olympiastadium das legendäre Fußballspiel zwischen der DDR und der BRD, das 1974 während der damaligen Weltmeisterschaft in Hamburg stattfand. Zusammen mit einem Schauspieler, der den Stürmer Jürgen Sparwasser spielte, der für die DDR den Siegtreffer erzielte, und dem vom Künstler selbst dargestellten BRD-Torwart Sepp Maier, sollte das Spiel exakt auf dem Rasen des Olympiastadiums nachgespielt werden. Parallel dazu konnte entweder der Kommentar des DDR- oder der des BRD-Fernsehens von den Zuschauern gehört werden. Gleich zweifach also wurde die Imagination des Besuchers angetriggert – doch dann passierte das Unvorhergesehene: Der Schauspieler verletzte sich außerplanmäßig, so dass Reenactment und Ton ab dann auseinander liefen. Genau dieser Unfall aber stellte spannende Fragen nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion. Zudem nahm diese Arbeit inhaltlich klarerweise den Punkt des Ost-West-Verhältnis wieder auf.


Am 1. Mai dann trat Dan Perjovchi als „Live Painter“ in dem Kunstraum Maximiliansforum auf, genau in der Unterführung also, in der Joseph Beuys 1976 seine Installation „zeige deine Wunde“ erstmals präsentierte. Auch Dan Perjovchi zeigte hier „seine Wunde“, dieses in Form seiner typischen Politcartoons und Wortspiele, live vor dem Publikum und im Gespräch mit Sepake Angiama. Um Neoliberalismus und Konsumgesellschaft ging es dort, um soziale Ungerechtigkeit, um die Neue Linke, sowie wieder um Fußball und seine Kommerzialisierung, so dass der Bogen zum Vortag elegant, aber überaus kritisch gespannt wurde.


Nur eine Arbeit des PAM ist während der gesamten Dauer von „Game Changers“ zu sehen, nämlich der von Flaka Haliti & Markus Miessen gestaltete „PAM Pavillon“. Diese permanente Installation ist prompt der ärgerliche Schwachpunkt von PAM, kommt er doch über eine verlogene „Kunst-Kunstrhetorik“ nicht hinaus. Das rechteckige Gebäude besteht aus einem Dach und vier Pfeilern, die aus gefaktem Marmor gebaut sind. Außerdem steht das Gebäude auf einer Folie, die so tut als wäre sie eine Wasseroberfläche. Die formalen Gegensätze von massiv und flüssig treten so wenig originell auf den artistischen Masterplan. Schlimmer noch aber ist, dass diese formalen Gegensätze dann von Haliti & Miessen mit Chantal Mouffes Konzept des Antagonismus in Bezug gesetzt werden, ohne diesen Bezug in irgendeiner weise inhaltlich begründen zu können. Die von Chantal Mouffe ins Spiel gebrachte Kategorie der antagonistischen „Gegnerschaft“, in der das Politische widerspruchsvoll verhandelt wird, sucht man nämlich hier vergebens, stattdessen wird dem eh mehr oder weniger friedlichem Kunstvolk hier vergnüglich ein Aperitif gereicht.


Das noch bis zum 27. Juli laufende und sehenswerte Restprogramm der PAM 2018 kann übrigens unter www.pam2018.de studiert werden.

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