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Wer war 1968? Kunst, Architektur, Gesellschaft: Was geschah eigentlich in Linz?

Studentenbewegungen und Arbeiteraufstände prägten die 1960er Jahre in Westeuropa und den USA. Während der Warschauer Pakt mit der Niederschlagung des Prager Frühlings jede Hoffnung auf eine Öffnung der Ostblock-Staaten zunichte machte, häuften sich in Amerika die Proteste gegen den Vietnamkrieg und mit dem Tod Martin Luther Kings kam es zum Höhepunkt des Civil Rights Movements. Aber welche Auswirkungen hatte dieses von Umbrüchen und Aufständen geprägte Jahrzehnt auf die Linzer Kunstzene? „Wer war 1968?“ - Dieser Frage gehen aktuell zwei Ausstellungen im Lentos und Nordico nach.


In Westeuropa gab es zahlreiche Studentenbewegungen, die in Deutschland und Frankreich ihren Höhepunkt erlebten. Österreich hingegen blieb davon weitgehend verschont. So ging man als Linzer Künstler entweder an die Angewandte oder Bildende in Wien, begab sich in den Kreis der Wiener Gruppe oder des Wiener Aktionismus. Skandale, abgesehen von der Uni-Ferkelei (Mühl&Co) am 7. Juni, gab es wenige. Aber was geschah eigentlich in Linz?


Der Gründungsstein der Kunstschule der Stadt wurde in den unmittelbaren Nachkriegsjahren gelegt, den Status einer Hochschule erhielt sie erst 1973. Anders als in der Bundeshauptstadt beschränkte sich die Linzer Kunstszene auf wenige Gruppierungen. Da gab es einerseits den Kreis um Heimrad Bäcker, den Herausgeber und Gründer der Zeitschrift „neue texte“. Dazu zählten Josef Bauer, Gerhard Knogler und Fritz Lichtenauer. Ein bedeutender Wegbereiter für die Stahlstadt war auch Helmuth Gsöllpointner, der Leiter der Meisterklasse Metall und spätere Rektor der Hochschule sowie Präsident der Künstlervereinigung MAERZ.


Die Ausstellung im Lentos unterstreicht mit zahlreichen Arbeiten des 1934 in Wels geborenen Josef Bauer, der übrigens zusammen mit Hans-Peter Feldmann an der Kunstschule Linz Malerei studierte, die Bedeutung dieses Künstlers. Ihm allein könnte man eine Einzelausstellung widmen. Die konkrete Poesie, die in Linz vor allem von Heimrad Bäcker vorangetrieben wurde, diente Josef Bauer als Inspiration für seine unter dem Begriff der „Taktilen Poesie“ zusammengefassten Kunst. Er bediente sich Methoden der visuellen und konkreten Poesie, experimentierte mit Schrift, Text und ihrer Aneignung im Raum. Seine Fotografien geben einen Einblick in eine unglaublich poetische Welt: lebensgroße Zahlen in Obstgärten, Raumstudien in White Cubes und mit Menschen befüllte Buchstabenfeste.


Bauers Kollege Fritz Lichtenauer hingegen arbeitete weitaus abstrakter. Seine Schriftbilder – insbesondere jene aus der Serie „text und linie“ (Tusche und Klebebuchstaben auf Papier) faszinieren durch ihren kalligrammartigen Charakter und den abstrahierten Buchstabensatz. Ein besonderes Merkmal seiner Arbeiten ist das bewusste Einsetzen des oberösterreichischen Dialektes im Gegensatz zum intellektuellen Hochdeutsch. Gerhard Knogler wiederum beschäftigte sich in seinen durch Fotografien dokumentierten Arbeiten mit der Hermeneutik und Bildsprache von Objekten und ihrer Aneignung im Raum – sein Œuvre reicht von Installationen, Skulpturen bis zu Zeichnungen und Collagen. Bei ihm blickt ganz deutlich die Liebe zum Material (u.a. Ton) durch.


Die Kuratoren Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer setzen den Kreis um Heimrad Bäcker in der Ausstellung in Kontext zu ähnlichen avantgardistischen Strömungen, die in der ČSSR stattfanden. Einhergehend mit deren kurzen Öffnung knüpfte die Linzer Gruppe dort Kontakte und vernetze sich mit den Vertretern der konkreten Sprachkunst wie Jiři Valoch oder Béla Kolářová. Sie alle waren international durch schriftliche und künstlerische Kommunikationsmedien verbunden, wodurch auch ein reger Austausch mit der Wiener Gruppe, insbesondere mit Gerhard Rühm und Reinhard Priessnitz, stattfand. Allerdings konnten weder Lichtenauer noch Bauer anfangs von der Kunst leben. Die Szene war so klein, dass nur einige wenige wie Knogler als Assistent bei Gsöllpointner an der Kunstuniversität unterkamen. Auf Grund der damals in Linz fehlenden überregional agierenden Galerien und Museen war es schwierig, von Linz aus in der internationalen Kunstwelt Fuß zu fassen. Realistischere Optionen für eine zukünftige Karriere hatte man im Ausland oder in Wien – wie etwa VALIE EXPORT, von der ebenfalls Arbeiten in der Ausstellung zu sehen sind. Als Kritik auf die biedere Nachkriegskultur ist Johann Jaschas Installation „Schöner Wohnen“ zu verstehen. Auch mit seinen fotografisch dokumentierten Körperstudien stieß er auf Protest und Widerstand in der Gesellschaft. Neben den Arbeiten von Josef Nöbauer sind dies wohl die radikalsten Exponate der Ausstellung. Weiters sind noch die feministischen Strömungen um Martha Jungwirth oder Martha Rosler zu nennen, die ebenfalls beleuchtet werden.


Die Ausstellung wird ihrem Titel durchaus gerecht, denn die Kuratoren Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer haben sich in der Tat große Mühe gemacht, einen vielschichtigen Überblick zur Kunst rund um 1968 in Linz aufzuzeigen. Auch der Versuch der Kontextualisierung zu internationalen Künstlern wie Richard Hamilton oder Erró wurde unternommen, obwohl die Bezüge manchmal etwas weither gegriffen erscheinen.


Alles in allem handelt es sich aber um eine sehenswerte Ausstellung mit einem sehr umfangreichen Katalog den man eigentlich schon vor dem Ausstellungsbesuch gelesen haben sollte. Auch die visionären Konzepten und Architektur gewidmete Ausstellung „Schluss mit der Wirklichkeit! Avantgarde, Architektur, Revolution, 1968“ in der Landesgalerie Linz ist zu empfehlen!
Die Ausstellung im Lentos ist übrigens nur noch bis 13. Jänner zu sehen.

Wer war 1968? Kunst, Architektur, Gesellschaft
28.09.2018 - 24.02.2019

Lentos Kunstmuseum Linz
4020 Linz, Ernst-Koref-Promendade 1
Tel: +43 70 7070 36 00
Email: info@lentos.at
http://www.lentos.at
Öffnungszeiten: täglich außer Mo 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr

Nordico - Museum der Stadt Linz
4020 Linz, Dametzstraße 23
Tel: +43 (0) 732/7070-1912, Fax: +43 (0) 732/79 35 18
Email: nordico@mag.linz.at
http://www.nordico.at
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-18, Sa, So 14-17 h


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