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Peter Gorsen (1933-2017)

Das Denken und die Analysen des Peter Gorsen im Bereich der zeitgenössischen Kunst bewegten sich entlang begrifflicher Koordinaten, die vor ihm und nach ihm kaum mit einer derartigen Leidenschaft verfolgt worden sind; insbesondere im deutschsprachigen Raum. Denn in weiten Teilen war Gorsens Auseinandersetzung mit ästhetischen Konzepten abseits der, bis dahin immer noch bestehenden, bürgerlichen Übereinkunft vom Schönen oder Erhabenen in der Kunst angesiedelt.


Es beschäftigte ihn der Tabubruch, das Obszöne, das sexuell Triebhafte als entfesselte Kraft unter dem Paradigma zunehmender, gesellschaftlich bestimmter Normierung. In seinen Publikationen, in der Lehre, aber auch in Essays, Rezensionen und Kritiken im Feuilleton der FAZ versuchte er an den Rändern der kanonisierten Kultur neue Gebiete zu erschließen. Er beschäftigte sich sehr früh bereits mit dem Wiener Aktionismus, dessen Protagonisten er selbst begleitete, publizierte zu Art Brut und überhaupt der Kunst von Outsidern. So näherte er sich als einer der ersten formal und begrifflich schwer fassbaren Phänomenen an, welche dann – Bezug nehmend auf Julia Kristeva – unter dem Terminus Abject Art zusammengefasst worden sind: Gekaute Objekte etwa, oder ausgeschiedene, und im Zuge der Sauberkeitserziehung verdrängte, abgelehnte und dem Körper entfremdete Substanzen.


Obwohl Peter Gorsen, von Adorno und Habermas herkommend, bei denen er auch promoviert hat, stets gesellschaftspolitische Themen in den Diskurs einbezog und er auch versuchte, Kunst vor dem Hintergrund allgemeiner, aktueller Entwicklungen zu interpretieren, schwenkte sein Zugang zur bildenden Kunst nicht in Richtung Kulturwissenschaften über, sondern blieb auf dem Terrain des Philosophischen. Dies gewährte ihm die Möglichkeit, sich ästhetischen Konzepten von außen oder oft auch genreübergreifend anzunähern. Bergson, Dilthey und Husserl sowie Simmel waren zunächst maßgeblich. Und im institutionellen Rahmen widmete er sich anfangs gar nicht so sehr der zeitgenössischen Kunst, sondern hatte zunächst einen Lehrauftrag für Literatur und Soziologie an der Universität Frankfurt inne, bevor er Dozent für Kunst und visuelle Kommunikation an der Universität Gießen wurde.


Schon Mitte der 1970er Jahre begann Peter Gorsens Engagement für den Aufbau des Fachs Kunstgeschichte an der Angewandten (damals noch Hochschule genannt) in Wien, was 1997 schließlich in die Etablierung des Lehrstuhls für Kunstgeschichte mündete. Als Professor war er an der Angewandten bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 tätig. Bis in die Gegenwart prägte Peter Gorsen da die Lehre methodisch und inhaltlich indem er neue Denk- und Forschungsfelder eröffnete. Als einer der ersten – beispielsweise – bekräftigte er (gemeinsam mit Gislind Nabakowski) die Voraussetzungen für eine Frauenkunstgeschichte.


Basierend auf seinen interdisziplinären Forschungen zu Kunst und Krankheit wirkte er 1997 an der Konzeption der Ausstellung “Kunst und Wahn“ im Kunstforum Wien mit. Übergreifend lässt sich sein Hauptthema mit “Repräsentationen des Körpers“ im Zusammenhang der zeitgenössischen Kunst umschreiben. Seine Werke “Das Prinzip Obszön. Kunst, Pornographie und Gesellschaft.“(1969) sowie “Sexualästhetik. Zur bürgerlichen Rezeption von Obszönität und Pornographie“ (1972) gelten auch heute noch als weiterhin relevant.


Trotz Krankheit bemühte sich der 1933 in Dresden geborene Kunst- und Mentalitätshistoriker, der sich neben bildender Kunst auch mit Psychiatrie, mit Sexualwissenschaft, mit Geschlechterbildern und (Trans)Gender Studies auseinandergesetzt hat, bis zuletzt um denkerische Schärfe; auch wenn er dies nur mehr per Video-Schaltung vermitteln konnte. In der Nacht vom 8. zum 9. November 2017 ist Peter Gorsen in Wien verstorben.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
mag.art. & m.f.a.
uta belina waeger | 15.11.2017 01:35 | antworten
als absolventin der angewandten 1990 bedaure ich das ableben meines damaligen professors in kunstgeschichte. seine vorlesungen waren für mich stets eine bereicherung, zumal sie sich nie nur im kunstwissenschaftlich konsensfähigen erschöpften, sondern sich immer - mit echtem engagement - für die "tiefen und untiefen" der kunst(interpretation) stark machten: nie vergesse ich die symbolkraft von türmen und toren...

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