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Über naiv Sein und politisch Tun und über naiv Tun und politisch Sein

In den Achtzigern, da gab es in Köln einen Galeristen, der hieß Max Hetzler. Neben anderem damals sehr Erfolgreichem hatte Mad Max, wie er sich gern nennen ließ, auch die Künstler Martin Kippenberger und Günther Förg unter seinen Fittichen. Kippenberger war immer schon ein Wilder, ein Zungezeiger, ein Zyniker, aber Hetzler ließ nichts unversucht, ihn zum höchst wachen Zeitgenossen, um nicht zu sagen zum sozialen Sensibelchen zu drapieren. Was Kippenberger mache, so sagte die Galerie, sei jedenfalls immer und überall politisch gemeint. Förg war auch ein Wilder, doch manchmal kam es vor, dass er dabei allzu deutlich über die Stränge schlug und sich dann mit einem "Heil Hitler" und ebensolchem Gruß vernehmen ließ. Natürlich musste das nachträglich mit Slogans wie "Spiegel vorhalten" oder "bewußte Provokation" in ein Sinnganzes eingebettet werden, doch war das Haus Hetzler vorsichtig genug, ein Dementi hinterherzusenden. Was Förg mache, so sagte die Galerie, sei jedenfalls auf keinen Fall politisch gemeint. Ich habe mir seinerzeit erlaubt, den Herrn Galeristen auf einen eventuellen Widerspruch in seiner Verlautbarungspraxis aufmerksam zu machen. Des Meisters stoische Antwort: "Gute Kunst ist immer politisch." Was sich daraus lernen ließ war, dass es mit der politischen Bewußtseinsbildung in der Hetzler Group vielleicht nicht so weit her sein konnte, aber dass der Chef einfach ein guter Galerist war. Er hielt seinen Haufen zusammen, und wenn es auch nach innen krachte, so war man alles in allem ein perfekter Kölscher Klüngel. Hetzler und seine Bande brachten ein martialisches Prinzip in den Kunstbetrieb, eine Militanz, die rabiat zwischen Uns und Denen, Dazugehörigen und woanders Befindlichen unterschied. Eine solche Praxis von Selektierung war in der Tat politisch. Mich erinnerte sie an gewisse Regime des 20. Jahrhunderts, ein wenig autoritär, ein wenig totalitär. Als dann 1990 die "Texte zur Kunst" gegründet wurden, orientierte man sich von etwas Erkenntnis und viel Interesse her am amerikanischen "October". Der Habitus aber war trainiert an der Hetzler-Crew. Blasiertheit und Politisiertheit gingen Hand in Hand, und wenn man schon so nonchalant umging mit Theorie und Tradition des Politischen, dann konnte man das auch als links deklarieren. Der Ober-Einflüsterer damals war Benjamin Buchloh, namentlich sein Diktum von der "Institutional Critique", das der Kunst Qualität verhieß, wenn sie die Institutionen, die Märkte und Instanzen des Betriebs "kritisch" beleuchtete. Was kritisch bedeutete, war eher schwierig zu entscheiden. Und wie immer in solchen Fällen lief es darauf hinaus, so etwas wie Definitionsmacht zu übernehmen. Heimo Zobernig wurde schnell zum Exponenten dieser für engagiert gehaltenen Praxis. Institutionenkritisch ließ sich zum Beispiel seine Secessions-Ausstellung sehen, die fast zur Gänze mit dem vorhandenen Material ausrangierter Stellwände auskam. Bei seinen Spiegel-Arbeiten, seinen Betonplatten oder seinen Versuchen mit der Farbe war derlei Betrachtung womöglich schwieriger. Doch dafür hatte man ja Exegeten. Anders als der Kollege Manfred Lang bin ich der Ansicht, dass Zobernig sich in Kärnten nichts zu schulden hat kommen lassen. Eher macht Dieter Bogner eine schlechte Figur, der für das Museum gearbeitet hat und plötzlich wie vom berühmten Erdboden verschluckt ist. Zobernig hat mit Bogner, dem Kurator, verhandelt, hat ihm eine provisorische Zustimmung erteilt und ihm dann wieder abgesagt. Zobernig hat sich auf eine Institution, jene des Ausstellungsmachers, verlassen. Kritisch war da nichts, verwerflich aber auch nicht. Um Zobernig wurde in jahrelanger Arbeit ein Popanz des Politischen aufgebaut. Man ist versucht zu sagen: Das hat er nun davon.

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