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Harry V.

Endlich ist es wieder so weit. Seit voriger Woche wird wieder für ein Buch gefiebert gegeifert, gekämpft, gewartet und angeblich wird dasselbe sogar gelesen. Von unseren Kleinen und auch Größeren. Mit blöden Spitzmützerln und in schwarzen Wallegewändern belagerten Englands kids bis Schlag Mitternacht priviligierte Buchhandlungen um stolzgebrüstet ein Buch nach Hause tragen zu dürfen. Selbst die kleinsten sonst um Achtuhrzubettgehenmüssenden werden von ob der Bildungswut ihrer zauberverkleideten Sprösslinge stolzen Eltern ins nächtliche Ungewisse entlassen. Bis Ende dieser Woche werden ganze Wälder zu rund 10 Millionen Potterscher Monokulturen verwandelt sein. Und dann wird inbrünstig und möglichst diagonal zu den bereits vorweg promoteten Schlüsselszenen gelesen, was die Augen und die Hirnkapazität hergeben. Die Lehrer werden hoffentlich zufrieden sein, dass diese plötzlich ausgebrochene zeitgeistige Lesewut nur in die schon Mitte Mai begonnene Vorferienzeit fällt. Die Eltern werden glücklich sein, dass ihre Sprösslinge endlich einmal ein Buch lesen, auch wenn die Einstellungsmehrheit der Kindlesenden sicherlich der Antwort eines Hamburger 10-jährigen entspricht, der auf die Frage ob er außer Harry Potter noch etwas anderes lesen würde, nur lakonisch antwortete "nein, warum?". Die Buchhändler werden glücklich sein, auch wenn ihnen die Supermärkte den "Jahrhundertbestseller" zeitgleich aber dafür preisminimierend parallelverramschen. Der Verlag ist ohnehin schon lange glücklich, da er seinen Noname-Status bereits nach dem 3. Teil vehement verlassen durfte. Die Autorin wird natürlich sowieso glücklich sein, dass sie reichtummäßig nach dem 5. Teil die sicherlich nicht gerade amüsierte Queen überflügeln wird. Eventuell werden Kinderpsychologen nicht restlos glücklich sein, weil die provozierte Heldenverbildung der Kleinen nicht gerade einem gewerkschaftlich normierten Heranwachsen dienlich ist. Aber das stört die Kleinen wiederum nicht. Jetzt könnte natürlich sein, dass mich jemand fragt, ob auch ich glücklich bin, dass Frau Rawling einen fortsetzungsgeeigneten schriftstellerischen Geistesblitz der besonderen Art hatte. Also ich bin auch glücklich. Sonst wäre es nämlich für mich ziemlich problematisch gewesen, die letzte kulturaufregerlose Woche zu glossieren. Denn die hitzegeile Biennaleeröffnung fiel in die Glossenkompetenz des Rainer Metzger, und die Art Basel ist ohnehin schon von allen möglichen SchreiberInnen nieder- und hochkommentiert worden.

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