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Autokraten

Als vor einigen Wochen die WM-Auslosung stattfand, wollte ich an dieser Stelle eine Prognose abgeben, wer nun der Champion wird. Die nicht eben originelle Idee bestand darin, kulturelle oder besser: zeitgeistige Tendenzen kurzzuschließen mit der sportlichen Perspektive. So wie klar war, dass Swinging London im Sieg Englands 1966 kulminieren würde, dass das Ende des Kalten Krieges mit dem Fanal eines wiedervereinigten Deutschland 1990 auch im Fussball zur Kenntlichkeit käme oder, um die Liga zu wechseln, der Siegeszug von Ajax Amsterdam im Europapokal um 1970 mit dem Zentrum der Hippie-Kultur zusammenhinge: So wollte ich eine Voraussage treffen. Mein Tip auf das Weltmeisterteam 2014 hätte gelautet: Russland. Historische Avanciertheit hat bekanntlich nicht immer mit Emanzipation zu tun, und wie das Ende der Bürgerrechtsbewegungen im WM-Gewinn eines diktatorischen Argentinien 1978 greifbar geworden ist oder Berlusconis unbarmherzig opportunistisches Lavieren in Italiens Triumph 2006 (von Mussolini und 1934 bzw. 1938 nicht zu reden), so wären nun Putin und seine Clique an der Reihe; an der Reihe zu demonstrieren, dass Geschichte leider nicht am Fortschritt hängt. Ich habe dieses Räsonnement im Dezember nicht abgegeben, und es war besser so: Was die Anschläge in Wolgograd dann vorführten, hätte meiner Schreibe doch allzu deutlich eine Schlagseite ins Zynische verpasst. Jetzt schreibe ich es doch. Putin und seine Clique führen in der Ukraine gerade vor, dass sie sich an die Spitze historischer Entwicklung setzen oder den Anspruch darauf jedenfalls unerbittlich formulieren. Autokratie als geschichtsmächtiges Modell: Es ist als müsse Putin den Rächer abgeben, dass sie das in der Ukraine mit dem Kollegen Janukowitsch nicht länger akzeptiert haben. Viktor Janukowitsch und Vladimir Putin, 2011 Ein mit seiner Verspätetheit gründlich beschäftigter Westen ringt sich die Andeutung einer Androhung einer Überlegung zu Sanktionen ab, während die Regime um ihn herum demonstrieren, wie man Fakten schafft. Die Russen, die Chinesen, die bestenfalls quasi-demokratischen Liegenschaften zwischen der arabischen Halbinsel und Singapur haben längst für sich in Anspruch genommen, was schon der Faschismus wusste: Dass publizitäre Zustimmung wenig mit Liberalisierung aber sehr viel mit Alimentierung zu tun hat. Das westliche Credo einer Parallelität von Geld und Geist ist hier ein Exponat im Reigen der epochalen Sensationen. Jetzt bedarf es in diesem Sinn einer einzigen Sensation: der Sanktion. Sanktion gegen Russland auf allen Gebieten. Sotschi, wie paralympisch auch immer, darf nicht noch einmal stattfinden. Alle Kontakte müssen eingefroren werden. Manifesta ist perdu. In dem Museum, das speziell Europa darstellt, gibt es viel Vergangenheit. Aber immerhin gibt es auch viel Komplexität. Dieses Mehr an Möglichkeiten ist der Trumpf der freien Gesellschaften. Putin und seine Autokratie sehen die Zukunft vor sich. Der Westen muss mit der Geschichte dagegenhalten.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Jeder blamiert sich so gut er kann
Hans Kolpak | 15.07.2014 04:46 | antworten
Die USA haben sich blamiert. Sie haben in vielen Ländern Soldaten stationiert. Sie zwingen durch den US-Dollar anderen Ländern Regeln auf, an die sie sich selbst nicht halten. Mit Söldnern, Bomben und Raketen wird Demokratie herbeigebombt. Über die durchschauten Lügen von gestern werden heute von US-Autoren Romane geschrieben und von US-Künstlern Hollywood-Filme produziert. Was ändert sich? Durch das Internet seit 1994 fällt das Lügengebäude der USA wie ein Kartenhaus zusammen. Immer mehr Länder wenden sich immer beherzter vom US-Dollar ab. Es entsteht eine neue Achse, die von Peking über Moskau und Berlin nach London reicht. Warum? Die City of London möchte die Fäden in der Hand behalten. Ob ihr das gelingen kann? Sie ist die Zentrale der Lüge, die ihre Kraken nach Amerika ausstreckte. Künstler haben es gut. Sie dürfen über das hinausgehen, was politisch korrekt ist. Sie dürfen sich sogar über vorgelogene Geschichte hinwegsetzen. Eines steht fest: Alle Staaten sind wie Zecken, die ihre Wirte aussaugen. Kein Mensch weiß, warum es Zecken überhaupt gibt. Hans Kolpak Goldige Zeiten

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