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Sehr einfach

Vergangene Woche ist Stefan Ruzowitzkys neuer Film in die Kinos gekommen. „Das radikal Böse“ ist er betitelt, in Anspielung auf Hannah Arendt, die sich wiederum bei Immanuel Kant bedient hat. Gezeigt wird der ganz normale Wahnsinn des Dritten Reichs, in dem Leute, die sich ohne Zögern das Etikett „anständig“ angeheftet hätten, zu Werkzeugen einer perversen Mordmaschinerie wurden. Massenvernichtung stand auf der Tagesordnung, und der Film versucht zu rekonstruieren, was das für Tage waren, die sich auf schreckliche fast sechs Jahre hinzogen. Momentan hat ja eher der Erste Weltkrieg Konjunktur. Speziell Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ wird eifrig goutiert, und zwar speziell von der deutschsprachigen Leserschaft, tut Clark, der Australier, doch dieser Gemeinde den Gefallen, die Deutschen und die Österreicher von jeder speziellen Verantwortung freizusprechen und eine allgemeine Mentalität der Zeit und eine generelle Verwirrtheit des Denkens für das große Schlachten heranzuziehen. Solche wohlfeilen Dispensierungen gibt es natürlich für den Zweiten Weltkrieg nicht. „Das radikal Böse“ erinnert daran, dass es womöglich niemals in der Geschichte eine derartige Eindeutigkeit gab, mit der die Schuldigen zu bestimmen sind. Im folgenden zur Ergänzung drei Passagen aus einschlägigen Werken zum Thema, aus dem Zusammenhang gerissen, aber völlig für sich sprechend. Aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, München 2006, S. 786: „So dürften nicht allzu viele Soldaten Bormann mißverstanden haben, als er im Oktober 1942 bei der Beantwortung der von den Soldaten am häufigsten gestellten Fragen die Frage Nr. 9 - 'Wie wird die Judenfrage gelöst werden?' - auf die knappste und doch klarste Weise beantwortete: 'Sehr einfach!'“ Aus: Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten – Marginalienband, Berlin 2008, S. 51 „Umgekehrt ist Österreich einer der großen Verlierer des Ersten Weltkriegs. Ich habe eine sehr genaue Prosopographie des Personals der Vernichtungsmaschinerie gemacht: Es ist beeindruckend, wie stark überrepräsentiert das österreichische Personal ist. Wenn man die Zahlen der Gesamtbevölkerung Österreichs und Deutschlands vergleicht und dann den jeweiligen Prozentsatz von Österreichern und Deutschen innerhalb der Vernichtungsmaschinerie, wird die Überrepräsentation evident. Belzec, Sobibor, Treblinka – das waren zu 90% Österreicher.“ Aus: Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem, München 1964, S. 371: „'Es lebe Deutschland. Es lebe Argentinien. Es lebe Österreich. Ich werde sie nicht vergessen.' Im Angesicht des Todes fiel Eichmann genau das ein, was er in unzähligen Grabreden gehört hatte: das 'Wir werden ihn, den Toten, nicht vergessen'. Sein Gedächtnis, auf Klischees und erhebende Momente eingespielt, hatte ihm den letzten Streich gespielt: er fühlte sich 'erhoben' wie bei einer Beerdigung und hatte vergessen, daß es die eigene war.“

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