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Alles nur eine Ausrede

Ich steh in der U-Bahn und werd damit belästigt. Ich sitz im Kaffeehaus und werd damit belästigt. Ich lümmle vor dem Fernseher und werd damit belästigt. Ich les die Zeitung und werd damit belästigt. Und alle stöhnen und jammern durcheinander – das Scheißwetter, diese verfluchte Kälte, ich halts nicht mehr aus, ich wandere aus, ich will nicht mehr. Selbst über meinen derzeitigen Lieblingswitz „Gottseidank ist wieder Sommerzeit, da ist es endlich eine Stunde heller zum Schneeschaufeln“ lacht niemand mehr. Liebe Freundinnen und Freunde – glaubt mir, das ist alles nur eine Ausrede. Eine Ausrede dafür, dass man in der U-Bahn noch viel rücksichtloser ins Handy hineinschreien kann. Dass im Kaffeehaus der Ober glaubt, jetzt endlich mit Recht grantig sein zu dürfen. Dass die Casting-Shows immer blöder werden und sich die FernsehsprecherInnen immer ungenierter versprechen. Dass die frierend-frustrierten JournalistInnen immer gieriger darauf lechzen, dass der blöddreiste Kim Jong Un endlich eine Rakete gegen die Südkoreaner abfeuert, damit endlich etwas Feuriges los ist. Liebe Freundinnen und Freude – glaubt mir, das Wetter ist wirklich nur eine Ausrede. Denn in vier Wochen, wenn alles fesch blüht und uns die Sonne endlich nachhaltig erwärmt, wird in der U-Bahn keinen Deut leiser telefoniert, der Ober vergisst freudlos wie immer den Zucker, die FernsehsprecherInnen versprechen sich jetzt bestenfalls mit einem leisen Entschuldigungslächeln und die JournalistInnen sind schon längst bei der nächsten Katastrophenaufbauschelei. Und alle stöhnen und jammern durcheinander – diese Scheißbirkenpollen, diese depperte Sonn, heuer fahr ich nach Norwegen auf Urlaub, ich freu mich schon aufs Schifahren. Liebe Leute – die gute Nachricht? Uns ist gottseidank nicht zu helfen.

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