Werbung
,

Die Wiener und die Dresdner Kunstkammer

Die alte Sammlungsform der „Kunst- und Wunderkammer“ erlebt jüngst einen gewaltigen Aufschwung. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp meint sogar, dass wir wieder – auf einem neuen Niveau – in ein „Zeitalter der Kunstkammern“ eingetreten sind. Anzeichen dafür seien, dass wir die Dinge und Sachverhalte wieder stärker in Zusammenhängen sehen wollen, die Vereinzelung der Sammelgebiete zunehmend hinterfragt wird, und dass das Dogma der „weißen Zelle“ resp. der „neutralen Umgebung“ nicht mehr überzeugt. Das neuerwachte Interesse richtet sich also auf eine alte Museumsform, die nicht desto trotz eine für heute adäquate Wissensformation verspricht. Im Fahrwasser dieser Entwicklung ist auch die Wiedereröffnung der Wiener Kunstkammer zu sehen. Zehn Jahre lang war diese wegen Bau- und Sicherheitsmängeln geschlossen. Nun sind die Preziosen, die die Habsburger-Dynastie einst für ihre Kunst- und Wunderkammern in Tirol, Wien und Prag zusammentrugen, wieder zu besichtigen. 20 Räume (2.700 m2) stehen im Wiener Kunsthistorischen Museum für Sie bereit. 18 Millionen Euro haben deren Sanierung und die Neuaufstellung der Exponate gekostet. Die Werbekampagne dafür ist beachtlich. (1) Gesteigert wurde meine Vorfreude auf den ersten Besuch durch ein leuchtendes Versprechen auf dem Vorplatz des Museums: Zwei goldene Container. An ihnen kauft man sich die Tickets. Doch von der angedeuteten Intimität und Haptik dieser glänzenden Studiolo-Container ist im Inneren des Museums leider nicht viel zu spüren. Überspitzt ließe sich sagen: Aus der einstigen „Kunst- und Wunderkammer“ wurde in Wien sowohl das „Wunder“ (2) als auch die „Kammer“ ausgetrieben. Verantwortlich für diese Zurichtung ist immer noch die Bausubstanz von 1891. Im damals neu errichteten Museum platzierte man die überlieferten Gold- und Silberschmuckstücke, all die kuriosen Automaten und ziselierten Dinge nicht in intime Kabinette und Kammern sondern in unpassende historistische Hallen. Damals interessierten an diesem Sammlungsbestand auch weniger Wissensformationen, als vielmehr Materialwert und Technik. Nicht zufällig wurden zeitgleich überall Museen für Angewandte Kunst gegründet, in denen sich die modernen Produzenten gestalterisch anregen lassen sollten. Entsprechend hieß die heutige „Kunstkammer“ „Sammlung kunstindustrieller Gegenstände“. Warum allerdings, so frage ich mich, musste diese baulich/inhaltliche Zurichtung – man kann es auch Konstruktionsfehler nennen – nun komplett wiederholt werden? Warum wurden die ungeeigneten Räume mit all ihrem ungeeigneten Dekor nicht einmal ansatzweise revidiert? So besonders alt sind die doch gar nicht! Warum wurde z.B. nicht zumindest in zwei Räumen Rekonstruktionen der einstmaligen Präsentationsweise auf Schloss Ambras und der Prager Burg versucht? Dabei ist das erklärte Vorbild der Wiener Neueinrichtung just die Schatzkammer von Kurfürst August I von Sachsen, das so genannte „Grüne Gewölbe“. Leider hat man aus Dresden aber nur den Vitrinenwald aus dem „Neuen Grünen Gewölbe“ übernommen, in dem die zahllosen Einzelexponate gut ausgeleuchtet und klimatisiert, aber auch ermüdend präsentiert werden. Auf eine Annäherung an das Dresdener Gegenstück, das „Historische Grüne Gewölbe“ – ein spätbarockes Gesamtkunstwerk aus Stellagen, Tapezierungen und Tischlerarbeiten (entstanden von 1723 bis 1730) –, hat man hingegen verzichtet. Dass diese wunderbar atmosphärischen Räume auch in Dresden Rekonstruktionen (wie fast die halbe Stadt) sind, hätte doch Mut machen können! (1) siehe „Die Goldhaube des KHM“ (2) siehe „Verschiedene Wunder in verschiedenen Kammern"

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Welche Chance wurde vertan?
Gottfried Fliedl | 02.04.2013 04:38 | antworten
Ich habe die Kunstkammer im KHM noch nicht gesehen und kann mich nur auf Berichte und Fotos beziehen. Der Verzicht auf eine Art von Rekonstruktion könnte ganz praktische Gründe haben: die Objekte stammen aus unterschiedlichen Kunstkammern deren Architektur zT unspektakulär war und auch wohl kaum mit der Dresdner Sammlung zu vergleichen sind. Ich habe mich aber auch gefragt, warum nicht, wenigstens temporär, eine Zusammenführung inzwischen getrennter Sammlungsbereiches erfolgt und etwa Objekte aus dem Völkerkundemuseums und dem Naturhistorischen Museum an "ihren alten Platz" zurückkehren. Warum wird die sogenannte Federkrone Montezumas dafür bestraft, daß sie in jeder Harnischs ein so heikles Objekt ist, und in ein scheußlich oranges Bauhüttel gesteckt, statt mal im Kontext von Ambraser Objekten gezeigt zu werden. Mutlosigkeit ist ein Signum des Ausstellungsmachens der Staatsmuseen.

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: