Clementine Kügler,
El último Rafael: „Raffael war kein einsames Genie“
Neben Leonardo, Michelangelo, Tizian gehört Raffael zu den Sternen der italienischen Renaissance. Als der Meister aus Urbino 1520, mit nur 37 Jahren, starb, hinterließ er ein umfangreiches Werk, dessen Hochblüte ab 1513 unter der Ägide des kunstsinnigen Papstes Leo X. in Rom entstanden war. Damals wie heute war das Original begehrt. Per la mano di maestro wurde hoch geschätzt und vom Auftraggeber, wenn er sich das leisten konnte, erbeten.
Raffael entwarf und malte für Päpste und Kardinäle großformatige Altarbilder und repräsentative Porträts, fertigte Fresken für die Stanzen des Vatikans an, zeichnete für Entwürfe von Gobelins für die Sixtinische Kapelle verantwortlich, war Bauleiter des Petersdoms und Konservator für antike Denkmäler und archäologische Ausgrabungen in Rom. Die vielen Facetten und die Flut an Aufträgen wären ohne eine gut organisierte Werkstatt nicht zu bewältigen gewesen.
Bis zu 50 Gehilfen und Spezialisten bescheinigt ihm Vasari – das war die wohl größte Werkstatt seiner Zeit. Was also ist ein Original? Im Falle Raffaels sind die allermeisten Werke kollektive Arbeiten. Und darum geht es der Ausstellung im Prado, um die Rolle seiner wichtigsten Schüler Gianfrancesco Penni und Giulio Romano, aber auch um den Beweis anhand der Zeichnungen und Entwürfe, wie sehr der Meister jedes Werk in der Anlage und in Detailfragen selbst bestimmte.
Einen großen Stellenwert nehmen Penni und Romano ein. Beide erbten nach dem frühen Tod Raffaels die Materialien, Aufträge und unvollendeten Bilder. Giulio Romano galt dem Meister fast wie ein Sohn, wie das berühmte „Selbstporträt mit einem Freund“, dem Schüler, nahelegt. Beide Maler gestalteten parallel in der Werkstatt bereits eigene Bilder, bekannt wurden ihre Namen jedoch erst nach Raffaels Tod. Großen Wert legte Raffael darauf, dass eine gewisse Homogenität und hohe Qualität herrschte und die Mitarbeit seiner Schüler nicht zu offensichtlich war. Gelobt wurde, dass ihm das gelang.
Der Prado und der Louvre sind die Museen, die die meisten Bilder Raffaels, vor allem des Spätwerks, besitzen. Folgerichtig haben sie sich zusammengetan, um die Schau dieser letzten Jahre und der durch seine Schüler bis 1525 vollendeten Arbeiten auszurichten. Hinzugekommen sind Leihgaben aus aller Welt: 74 Bilder und Zeichnungen insgesamt und wohlgemerkt nur aus den Jahren 1513 bis 1525.
Von den Madonnen- und Altarbildern bis zu den Porträts und der großformatigen „Verklärung Christi“ sind einige der schönsten Werke vereint. Aus Bologna erstmals überhaupt ausgeliehen die „Heilige Cäcilie“ (Pinacoteca Nazionale). Sie hängt, andächtig der himmlischen Musik lauschend, in unmittelbarer Nachbarschaft zur „Madonna mit dem Fisch“ und dem soeben restaurierten „Sturz auf dem Weg zum Kalvarienberg“ (beide Prado). Heldenhaft der „Heilige Michael“ (Louvre) im Zusammenspiel der großen Darstellungen. Für den Betrachter wird so manche Zuschreibung in Frage gestellt. Aus Raffaels Hand stammt gesichert oft nur die Hauptfigur, bisweilen ist es allein der Entwurf, der vom Meister datiert („Johannes der Täufer“, Uffizien). Der Eigenständigkeit Giulio Romanos wird ein eigener Raum gewidmet.
Einflüsse der Zeitgenossen sind zu spüren und im umfangreichen Katalog ausführlich nachgewiesen: Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, Hieronymus Bosch, Michelangelo, Tizian. Innovativ ist oftmals die Anlage der Komposition – spirituelles Bewusstsein statt Kanon. Das Jesuskind schaut nicht die Figuren der Gruppe an, sondern blickt ins Licht, also zum Vater, wie „La Perla“ zeigt, oder die gelungene Verknüpfung verschiedener Bibelszenen in der „Verklärung Christi“ (beide Prado).
Den Höhepunkt bilden zweifellos die Porträts. Hier sind Auftragsarbeiten, möglicherweise wieder eher von Giulio Romano ausgeführte Kardinäle und Gönner („Bernardo Dovizi da Bibbiena“ aus dem Palazzo Pitti und „Giuliano de Medici“ vom Metropolitan Museum), neben privateren Porträts von Freunden Raffaels zu sehen, die durch bestechende Blicke und lebendigen Gestus überzeugen: die blauen Augen des Baldassare Castiglione (Louvre), der laszive Bankier Bindo Altoviti (Washington, National Gallery) und vor allem das berühmte „Selbstporträt mit Giulio Romano“ aus dem Louvre, das einen etwas erschöpft wirkenden Raffael erkennen lässt. Raffael steht hinter dem Schüler, dieser dreht sich zu ihm und weist nach vorne, während der Meister dem Betrachter direkt in die Augen schaut.
Die künstlerische Produktion der Hochrenaissance war undenkbar ohne regen Austausch: Ob durch Schiffbruch an ferne Küsten gespülte und wundersam erhaltene Bilder oder Übermittlung simpler Korrespondenzen, durch Reisen von Höflingen und Diplomaten oder der Maler selbst. Raffael war nicht nur ein hochtalentierter Künstler, sondern ein wacher Geist und Meister über eine große Schar von Schülern, der sich von seinen Zeitgenossen, ob Freunden, Konkurrenten oder gar Feinden, stilistisch anregen ließ und die verschiedenen Tendenzen kondensierte und weiterentwickelte. Wie Tom Henry und Paul Joannides, die Kuratoren der Ausstellung, im Katalog bemerken, übernahm Raffael unter all den schöpferischen Zeitgenossen die kreative Führung: „Raffael war kein einsames Genie“.
Mehr Texte von Clementine Kügler
El último Rafael
12.06. - 16.09.2012
Museo Nacional del Prado
28014 Madrid, Paseo Prado
Tel: +34 91 330 28 00
Email: museo.nacional@museodelprado.es
http://www.museodelprado.es/
Öffnungszeiten: Mo-Sa 10-20h, So & Feiertage 10-19h
12.06. - 16.09.2012
Museo Nacional del Prado
28014 Madrid, Paseo Prado
Tel: +34 91 330 28 00
Email: museo.nacional@museodelprado.es
http://www.museodelprado.es/
Öffnungszeiten: Mo-Sa 10-20h, So & Feiertage 10-19h
Teilen








