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Marc Quinn - Brave new world: Die Schauseite der Vergänglichkeit

Man kommt ihr nicht aus, dieser überlebensgroßen Muschel im Entree der Galerie Thaddeus Ropac in Salzburg: Sie hat etwas Verlockendes, beinahe Verführerisches, denn hinter ihrer schrundigen Schale lauert ein gierig geöffneter Schlund aus spiegelglatter Bronze – Ursprung so mancher kruder Phobie / Phantasie. „The Supa Littoral Zone“ ist in seinem vieldeutigen Anspielungsreichtum einer der Höhepunkte in der an Sensationen nicht armen Ausstellung von Marc Quinn, des Zeremonienmeisters einer auf Hochglanz polierten Vergänglichkeit. International bekannt geworden war Quinn im Kreis der Young British Artists mit seinem plastischen Selbstporträt aus eigenhändig abgezapftem Eigenblut. Und seine Arbeiten, die altbewährte Techniken mit neuartigen Themen verschmelzen, sorgen immer wieder für Aufsehen abseits einer rein kunstaffinen Öffentlichkeit: So in der Marmorskulptur der hochschwangeren Künstlerin Alison Lapper, die ohne Arme geboren wurde, auf dem Londoner Trafalgar Square. Quinn agiert dabei technisch gesehen immer auf dem allerhöchstem Niveau der Zeit. Von den fotorealistischen Blumen-Stillleben, psychedelisch verfremdeten Iris-Bildern über die plastischen Nachformungen der namenlosen Kämpfer der Straße aus dem Material der Gosse: Wir tauchen ein in eine Welt der gelösten Probleme und der befriedigten Bedürfnisse, in die „Brave New World“ (so der Ausstellungstitel) und wie sie Aldous Huxley vor exakt 80 Jahren als Universalutopie entworfen hatte. „The Supa Littoral Zone“ entstammt als handtellergroßes Fundstück aus dem Londoner Natural History Museum eigentlich den Zonenrandgebieten des Meeres, der sogenannten „Spritzwasserzone“ (Werktitel). Als merkwürdig gebildetes Muschelwesen war es offensichtlich den ungnädigen Unbilden von Wasser, Wind und Wetter ausgesetzt. Gerade dieses eine Exemplar hat vom zähen Ringen um das nackte Überleben besonders viel mit- oder abbekommen: So wenig es sich in seine aufgewühlt-zerbeulte, beinahe mürrisch wirkende Gestalt zurückziehen will, so sehr scheint es dem Künstler als Sinnbild für die existenziell gebeutelte Kreatur zu dienen. Nach hochtechnisierten Prozessen des Scannens und Renderns und des aufwendigen Formengusses ist das ursprüngliche Exponat zu einer imposanten Größe von 250 x 191 x 150 cm mit einem Gewicht von 750 Kilogramm „herangezüchtet“ worden. Und im respektabel dimensionierten Preis von 380.000 £ ist wohl auch die Wirkungsgeschichte der muschelartigen Form mit inbegriffen. Ihren populären Anfang nahm diese sicher mit der „Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli (um 1485). Seither steht die Muschel für Leben und Geburt, daneben auch, wenn geschlossen, für Schutz und Geborgenheit. Aber in Kunst und Kultur, und so weiß es Wikipedia, ist manches allein „mit sehr viel Fantasie und Einbildungskraft“ möglich, zum Beispiel eine kolportierte morphologische Ähnlichkeit des Wirbels der Venusmuschel mit der Vulva der Frau. Courbets „Ursprung der Welt“, ebenso der Titel der größten Bronzeskulptur im Außenraum der Galerie, weist da nur den einen freudvolleren Weg. Bereits seit dem Mittelalter hatte die Erzählung von der weiblichen Lustentfaltung jedoch eine auch negativ besetzte Deutung erfahren. Im Zerrbild des männerfressenden „Höllenschlunds“ fand sie einen eher gruseligen Tiefpunkt, im alptraumhaften Schreckgespenst der „Vagina dentata“ Sigmund Freunds ist sie noch heute mit einem leichten Ziehen in der Lendengegend verbunden. Wenn Marc Quinn drei monumentale Vulven als „symbolische und semantische Leerstellen“ (so die „Provokationsfeministin“ Mithu M. Sanyal) schafft, so ist er in seinem grundsätzlich ambivalenten Ansatz an beiden Aspekten interessiert: An Leben und Tod, Schöpfung und Zerstörung, und einem Sein, an dem unablässig der Zahn der Vergänglichkeit nagt.
Marc Quinn - Brave new world
30.03 - 19.05.2012

Galerie Thaddaeus Ropac
5020 Salzburg, Mirabellplatz 2
Tel: +43 - 662 881 393, Fax: +43 - 881 39 39
http://ropac.net
Öffnungszeiten: Im August Mo-Sa 10-18 h
Di-Fr 10-18, Sa 10-14 h


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