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ARTandPRESS – Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit: Mit der Kunst im Blätterwald

Ein Trockener und etwas farbloser, ja, richtungsloser Titel, dafür aber dann eine Ausstellung, die auf starke, faszinierende raumübergreifend präsentierte Werke und klingende Namen setzt. Es ist der offenbar gelungene Versuch, die Augen zu öffnen für das seit dem 19. Jahrhundert präsente Motiv der Zeitung als Thema und Material in der bildenden Kunst. Immerhin bringt »Art and Press« im Martin-Gropius-Bau mehr als 50 Positionen von Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Joseph Beuys, Sigmar Polke oder Gerhard Richter, von Gloria Friedmann, Julian Schnabel, Barbara Kruger, John Baldessari, Jenny Holzer, Franz West oder Annette Messager und ähnlichen Namen dieser Größenordnung. Dass auch William Kentridge und Ai Weiwei vertreten sind, täuscht allerdings nicht über die Tatsache hinweg, dass das Thema – nicht anders wie die meisten Großausstellungen (mit geringem Anteil an Künstlerinnen) – wieder einmal entlang der üblichen kulturellen Achse Europa-US-Amerika abgehandelt wird. Wohlgemerkt: Es geht dabei um die Zeitung als Motiv der Kunst seit der Moderne und nicht immer um die kritische Befragung bestimmter Inhalte. Selbstverständlich kreisen einige Werke und Installation gelegentlich um Fragen der Konstituierung von Öffentlichkeit. Dabei steht das analoge, haptisch fassbare gedruckte Medium und nicht etwa elektronische oder digitale Informationsübermittlung im Vordergrund. Durchaus erwartungsgemäß unter der künstlerischen Leitung eines Walter Smerling, der zumeist die Faszination für die Kunst in den Vordergrund rückt und Diskurs allerhöchstens niederschwellig führt. Aleksandra Mir beispielsweise konzentrierte sich auf die eigentümlichen poetischen Qualitäten und die inhaltliche Zuspitzung der Headlines einiger New Yorker Boulevardblätter, deren Titelseiten sie gesammelt und 2007 drei Monate lang im Zuge einer Live Performance in großformatige Zeichnungen übertragen hat. Olaf Metzel spießt nahezu egalitär gegenüber den kommenden und gehenden Inhalten in der Tagespresse, diverse Zeitungsseiten bekritzelt und hernach auf Blech gedruckt zu einem zerknautschen Blätterwald auf Aluminiumstangen auf. Schon Ende der 1980er Jahre behandelte er Matrizen und in weiterer Folge die gedruckten Seiten der römischen Zeitung »Il Messagero« auf ähnliche Weise. Dramatischer und schärfer »Eichmann and the angel« von Gustav Metzger 2005: Der Destruktionskünstler ist Sohn orthodoxer Juden. Seine Familie wurde 1941 von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet, was Metzgers Weltsicht nachhaltig prägte. Im Raum die Nachbildung jener Kabine, in der Adolf Eichmann verhört wurde, aber auch Stapel von Zeitungen auf einem Förderband als Metapher für die Logik der von Eichmann präzise geplanten Todestransporte; damit aber auch als Sinnbild für die Trivialisierung von Information über die Banalität des Bösen. Einer der wenigen, die nur indirekte Bezüge herstellen ist Ai Weiwei. In die Ausstellung brachte er eine Rauminstallation aus Armier-Stahl. Das Material stammt von einem erdbebenzerstörten Schulgebäude, unter dem über 1.000 Schüler ums Leben kamen. Die Stahlteile fungieren als Beweisstücke für ein Ereignis, das in China nicht in die Presse kommen durfte. Jedes mal eröffnen sich Welten. Die enorm dimensionierten Räume mit oft nur einer einzigen, großzügig präsentierten Installation oder einem Werkkomplex kommt dem entgegen. Eine der fesselnden jüngeren Arbeiten ist Elisabeth Benassis »The Innocent Abroad« (2011); eine Installation aus Mikrofilm-Lesegeräten, deren Material unentwegt über die Bildschirme läuft. Doch es sind nur die rückseitigen Bildunterschriften und Aufnahmedetails, die ins Blickfeld rücken, womit nicht zuletzt Fragen der Möglichkeit über Archive an vergangene Wirklichkeit heranzurücken, aufgeworfen werden. Insgesamt interessant alles. Zugleich ein bewusst populär gestaltetes Unternehmen, wo Gesellschafts- und Medienkritik mehr als vorhandenes Faktum angedeutet, denn aktiv als durchgehend kritische Praxis aufgegriffen werden. Ein bemerkenswerter Effekt, dass genau durch die Suggestionskraft der Werke mitunter der knallharte gesellschaftliche Kontext dahinter zurückgedrängt wird. Bemerkenswert auch, dass die BILD Zeitung als Medienpartner die Ausstellung begleitet und über mehrere Wochen die KünstlerInnen und ihre Arbeiten vorstellt. Auch hier manifestiert sich die Gratwanderung: Sicher das ist Werbung und eine Art Vermittlung für eine populär aufbereitet Ausstellung in einem populären Feld. Doch vergessen wir nicht, das ist genau jenes Blatt, das Hetze gegen die Studentenproteste 1967 betrieb und nicht über die Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni berichtete, obwohl mehrere Bild-Journalisten vor Ort waren. Vielmehr gibt’s dazu nicht zusagen. Außer, dass die Kommentare Jonathan Meses zur Bild-Zeitung im Vergleich zur Realität ziemlich unbedarft wirken. Aber na, ja: »Diktatur der Kunst« verblendet eben auch. Interessanter wäre gewesen: eine Serie von Interventionen in BILD so etwa wie sie das »museum in progress« in der österreichischen Tageszeitung »Der Standard« positionierte. Dennoch: Interessante Ausstellung. Hingehen, anschauen und: Gegenlesen! www.artandpress.de Im Herbst kommt ARTandPRESS nach Karlsruhe: Das ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie zeigt die Ausstellung vom 15.09. 2012 bis 10.02.2013. Katalog: ARTandPRESS. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit. Hg. Walter Smerling, Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn. 288 Seiten.?24 x 29 cm?Gebunden. Wienand Verlag. Köln. ISBN 978-3-86832-094-7 Preis: € 34,00 (SFr 46,50)
ARTandPRESS – Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit
23.03 - 24.06.2012

Martin-Gropius-Bau
10963 Berlin, Niederkirchnerstr. 7
Tel: +49 30 25486-0, Fax: +49 30 25486-107
Email: post@gropiusbau.de
http://www.gropiusbau.de
Öffnungszeiten: Mi-Mo 10-20 h


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