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AFRIKA. AFRIQUE. AFRICA. Die Sammlung Stepic: Afrika in Wien

Als 1990 in der Neuen Galerie in Linz die Ausstellung „Ursprung und Moderne“ stattfand, zeigte der damalige Direktor Peter Baum beispielhaft die künstlerischen Beziehungen zwischen den Kontinenten auf. Die Ausstellung setzte Afrika, Südamerika, Australien in Verbindung zur europäischen Kunst der Moderne, zeigte auf wie sehr die afrikanischen Skulpturen die Kunst zu Anfang des 20. Jahrhunderts befruchteten, wie sehr die außereuropäische Kunst zur Erkenntnis von uralten, in Europa aber müde gewordenen Inhalte zu führen imstande war. Ich weiss nicht, wie erfolgreich diese Ausstellung damals war, aber wenn man die aktuelle Ausstellung der Sammlung von Herbert Stepic „Afrika, Afrique, Africa“ im Kunstforum aufmerksam betrachtet, findet man wieder, was 1990 bereits erkannt werden konnte: die unglaubliche Kraft und Energie, die in den Objekten aus dem afrikanischen Kontinent liegen, in diesen Werken, die dem Ritual und Kultus dienen, der Meditation, die Fetisch sind, Idol, Maske, die Eros und Fruchtbarkeit beschwören, Heiliges und Alltägliches. Für alles fanden die afrikanischen Künstler Ausdruck, Harmonie und Expression und einen ganz eigenen Rhythmus der Darstellung, der in seiner meist frontalen Sicht eine große Strenge aber keine Abgehobenheit signalisiert. Die Figuren und Gegenstände sind Teil des spirituellen wie des alltäglichen Lebens, durchaus vergleichbar mit den alten christlichen Heiligenfiguren in den Kirchen. Hier wie dort: Bilder für Analphabeten. Objekte der Anbetung, des religiösen Kultes, sichtbar gewordener Mythos. Oder wie André Heller im Vorwort zum Katalog schreibt: „Wer Augen hat, der sehe! Wer Verstand hat, der begreife, welche Achtung wir diesen Kunstwundern schulden, die nicht nur um der bloßen Schönheit willen, sondern stets zur Erfüllung wesentlicher gesellschaftspolitischer und spiritueller Funktionen geschaffen wurden.“ Nun werden diese Objekte fern ihrer Herkunft und ihrem Umfeld gezeigt, sind Sammel- Ausstellungs- und Museumsstücke geworden. Sie haben dadurch vielleicht an ihrer Aura gelitten, sind aus dem kultischen Zusammenhang gerissen, stehen isoliert und nach Themen und Regionen geordnet. Aber sie haben auch etwas gewonnen: sie sind zu Kunstobjekten mutiert, werden nach kunstkritischen und kunsthistorischen Gesichtspunkten betrachtet und bewertet. Auch wenn bisher noch immer die außereuropäische Kunst eher im Ethnologischen als im Kunsthistorischen Museum gezeigt und gesammelt wird, auch wenn die Schöpfer der Skulpturen weitgehend anonym und namenlos sind, ganz langsam setzt sich in einigen Ländern Afrikas, aber auch in der westlichen Welt, die Erkenntnis durch, dass es sich hier ganz einfach um Kunst handelt, um geistig-spirituelle Inhalte, denen ein Künstler schöpferisch Ausdruck verliehen hat. Es fehlt in Afrika selbst zwar noch immer ein allgemeines Verständnis für Kunst, trotz Biennalen in Dakar und Kunstuniversitäten in Nigeria, Elfenbeinküste und anderen afrikanischen Staaten. Trotz Galerien und Museen, sind sich die Afrikaner selbst ihrer künstlerischen Kraft noch nicht so ganz sicher und blicken viel zu viel nach Europa oder New York. Nicht so die anonymen Künstler der Sammlung von Herbert Stepic, er hat weitgehend historische Werke gesammelt und hat damit nicht nur der Welt, sondern Afrika selbst einen großen Gefallen getan. Viele Objekte, die zwar aus ihrem geistigen Umfeld genommen sind, wären, ohne die Sammlertätigkeit von Leuten wie Stepic, längst vom Holzwurm, der Feuchtigkeit oder auch durch das Desinteresse der Zeitgenossen zerstört (nur nebenbei: die sog. Federkrone von Montezuma hätten längst die Motten gefressen, wenn sie nicht im Museum geschützt aufbewahrt würde). Auch haben diese Werke ihren kultischen und religiösen Zusammenhang verloren und wir betrachten sie viel mehr vom Ästhetischen als vom Religiösen, das wir nicht kennen, das uns fremd ist, oft sogar unheimlich, diese Kunst der „Primitiven“. Wer aber die westliche, ich möchte sagen, die kolonialistische Sicht hinter sich lässt und sich einlässt auf die Hintergründe, auf das so ganz andere Afrika als jenes das uns die Medien vorführen, dem erschließen sich neue Welten nicht nur der Kunst, sondern auch der Spiritualität. Das L’art pour L’art der westlichen Welt ist hier nicht zu finden. Hier geht es noch um die Darstellung uralter Mythen und die Begleitung lebendiger Riten, die nicht zuletzt durch die Kolonialisierung und die willkürliche Teilung Afrikas durch die Europäer, ge- und zerstört wurden. Es bedurfte dann u.a. der Künstlerin Susanne Wenger, um den uralten Kult der Yoruba wieder zu beleben und zu einer neuen Hochblüte zu führen. Die durch sie und ihre Initiative entstandenen Kult- und Kunstobjekte in Oshogbo wurde von der UNESCO sogar zum Weltkulturerbe erhoben, als eines von 73 in Afrika und eines von weltweit 936 in 153 Ländern. Hier wurde Kolonialisation anders geschrieben, hier brachte eine Europäerin den Afrikanern ihren eigenen Kult zurück. Auch die Sammler der Stammeskunst in Afrika, unter ihnen Herbert Stepic, haben durch ihre Leidenschaft des Sammelns Bewusstsein geschaffen, in Afrika selbst wie in Europa, sie haben aufmerksam gemacht auf eine so ganz andere Kultur, deren geistiger Hintergrund erst langsam erkannt und ernst genommen wird. Wir mussten lernen Achtung und Respekt zu empfinden vor diesem so anderen religiösen und gesellschaftlichen Leben. Aber, trotz aller inhaltlicher Unterschiede, ist der afrikanische Künstler viel mehr als wir vermuten, jedem Künstler auch anderer Kulturen verwandt, wie Armand Duchâteau im Katalog schreibt: „Wie jeder Künstler konnte er seine eigene Sensibilität und seine Originalität im Ausbalancieren des Volumens, in der Harmonie der Behandlung der Oberfläche und in einem eigenen Stil entfalten, ohne die enge Beziehung zu seiner Kultur zu verleugnen“. Es handelt sich v.a. eben nicht – wie es gerne abwertend gesagt wurde – um primitive Kunst, womit man sie praktisch aus dem Kunstdiskurs ausnahm und sie in die Außenseiterrolle verwies. Geeignet höchstens als Anreger für Picasso und die Expressionisten. Hier wie da geht es um Kunst, um den künstlerischen Ausdruck und die künstlerische Umsetzung von Kultus und Riten, von Geistigem und Alltäglichem. Die Bildfindung stammt aus anderen Gesetzmäßigkeiten, aus anderen Lebensformen, aus einer anderen Tradition und Religiosität, der letztlich auch die Missionstätigkeit der Christen nicht allzuviel anhaben konnte. Die Ausstellung zeigt über 200 Werke aus Holz, Metall, Terracotta, aber auch Objekte aus Stoff und mit Perlen. Außerdem wurde ein außergewöhnlich schöner und lesenswerter Katalog aufgelegt. Wer sich für Afrikas Kunst und weniger für Safari und Badeurlaub interessiert, wer wissen will, dass es nicht nur Krieg, Hunger und Krankheiten gibt in diesem unermesslich großen und wunderbar vielfältigen Kontinent, der kann nicht nur in der Ausstellung sondern besonders in den Texten von Armand Duchâteau die Geschichte von 2.000 Jahren afrikanischer Kunst kennenlernen.
AFRIKA. AFRIQUE. AFRICA. Die Sammlung Stepic
26.08 - 30.09.2011

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