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Orientalismus in Europa: Von Delacroix bis Kandinsky: Verlogenheit und Verlockung

Die vereinigte Inhaberschaft eines Bachelorgrades in Cultural/Gender/Queer Studies hat zur Ausstellung gesagt, was von dieser Seite her zu sagen war. Die Veranstaltung ist nichts als eine große Obsession kolonialistisch/rassistisch/sexistisch gesinnter, natürlich weißer, natürlich Männer. Die rauchende Nackte, die vom Cover des Katalogs herunter grüßt, drapiert in Haremsutensilien, neidisch beäugt von einer schwarzen Sklavin, so als gelte es, hier einen feinen Unterschied zu formulieren, diese Odaliske, ganz Verlockung, ganz Verlogenheit, sie ist ein Paradebeispiel jenes „Orientalismus“, in dem die Begriffsspende durchscheint, die Edward Said vor auch schon wieder 35 Jahren in die Runde warf: Orientalismus, die Konstruktion des Westens einem Morgenland gegenüber, das sich dann um so perfider unterwerfen und ausbeuten ließ. Und so betreiben es die Bilder in der Ausstellung: Da kann der Untertitel noch so avantgarde-beflissen „von Delacroix bis Kandinsky“ versprechen. An unsereinem liegt es nun zu erklären, dass wir das wissen mit Said und seinem Sager, dass Delacroix etcetera demgegenüber mit Blindheit geschlagen waren und dass die Werke, die die Ausstellung en masse aus dem 19. Jahrhundert bezieht, entsprechend mit etwas anderem beschäftigt waren als die akademischen Seminare eines diskursiv umgestalteten, dialektisch aufgeklärten und deshalb nichts anderes als kapitalistisch aufgemotzten Universitätsbetriebs. Diese Werke sind Paradebeispiele eines je nachdem romantischen oder orthodoxen Historismus; sie verfügen in rasender Virtuosität über eine Enzyklopädie an Moden und Methoden, die sie durchspielen und dabei bisweilen, bisweilen, beim Exotismus landen. Und die Großmeister des Genres, allen voran Jean-Léon Gérôme, dem das Orsay letzten Herbst eine wunderbare Retrospektive gewidmet hat, beherrschten ungeheuer viel mehr als ein paar schwülstige Szenarien rund ums Damenbecken. Sie malten Gladiatoren und Passionsdarstellungen, nackte Häuserwände in fotografischer Lapidarität, sie malten Tiere vor dem Angriff und Könige vor der Enthauptung, doch immer malten sie in jener Theatralik, die beflissen zeigte, was sie alles kann, und nicht, wie heute, dass sie nur vorhanden ist. Diese Bilder des 19. Jahrhunderts sind die Bedingungen der Möglichkeit, sie zu kritisieren. Erst mit dem Historismus, seiner Genauigkeit und seinem strikten Anspruch auf eine Fehlervermeidung, die sich ästhetisch und nicht moralisch bemisst, kamen die Eigenarten von Geschlechtern, Rassen, Ethnien oder Klassen aufs Tapet, deren Differenz, Alterität und Unhintergehbarkeit heute zum Nonplusultra erklärt wird. Nichts gegen postmoderne Sensibilität. Vor allem aber nichts gegen eine Ausstellung, die anhand zum Teil großartiger Arbeiten - erwähnt seien noch die Porträtbüsten von Charles Cordier - vor Augen stellt, was deren Voraussetzungen sind.
Orientalismus in Europa: Von Delacroix bis Kandinsky
28.01 - 01.05.2011

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
80333 München, Theatinerstrasse 8
Tel: +49 (0)89 22 44 12, Fax: +49 (0)89 29 16 09 81
Email: kontakt@hypo-kunsthalle.de
http://www.hypo-kunsthalle.de
Öffnungszeiten: täglich 10-20 Uhr


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